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Gesetzloser oder Gangster?

US-Autor Dennis Lehane kommt schnell zur Sache.
US-Autor Dennis Lehane kommt schnell zur Sache.Diogenes Verlag (Gaby Gerster)
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US-Autor Dennis Lehane hat mit "In der Nacht" einen der besten Krimis des Jahres geschrieben. Er lotet mit seinem Gangster-Epos die Grenzen zwischen Gut und Böse aus.

Was haben die Hollywood-Filme „Mystic River“, „Shutter Island“ und „Gone, Baby, Gone“ gemeinsam: A: Regisseur, B: Hauptdarsteller, C: Drehbuchautor, D: Romanvorlage? Das wäre bei der Millionenshow eine knifflige Frage. Denn im deutschsprachigen Raum wissen wohl nicht viele, dass der Erfolg dieser Filme auf den Kriminalromanen des Bostoner Autors Dennis Lehane basiert. Lehane hat zudem bei den Drehbüchern der US-TV-Serien „The Wire“ und „Boardwalk Empire“ mitgeschrieben. Nun ist sein neuestes Werk auf Deutsch erschienen: das Gangster-Epos „In der Nacht“.

Der Erfolg des Autors lässt sich eigentlich ganz einfach erklären. Lehane ist einer der ganz großen Erzähler, durchaus vergleichbar mit Stephen King. „In der Nacht“ ist der beste Beweis dafür. Nur selten lesen sich 584 Seiten so kurzweilig. Die Meisterschaft des Autors offenbart sich schon in seinen ersten beiden Sätzen: „Ein paar Jahre später fand sich Joe Coughlin auf einem Schlepper im Golf von Mexiko wieder. Seine Füße steckten in einem Block Zement.“ Da gibt es kein Lavieren. Mit einem Schlag ist man in der Geschichte. Und Lehane hält dieses Niveau bis zur letzten Seite durch. „Man befindet sich in den Händen eines Könners, und man weiß es“, hat die „New York Times“ geschrieben und trifft es auf den Punkt. So viel steht fest: „In der Nacht“ ist eines der besten Bücher des Jahres 2013 – Genregrenzen sollte man hier bewusst vergessen.


Sauberer Schmuggler. Fesselnd erzählt Lehane die Geschichte von Joe Coughlin, einem kleinen Bostoner Kriminellen, der zum mächtigsten Rum-Schmuggler Floridas während der letzten Jahre der US-Prohibitionszeit aufsteigt. Die zentrale Frage des Romans lautet: Gibt es zwischen Gesetzlosen und Gangstern einen Unterschied? Eines ist klar, so sauber man auch in einer schmutzigen Welt zu bleiben versucht, schmutzig wird man immer. Während der Hochblüte des organisierten Verbrechens war das Überleben als „unabhängiger“, eigenständiger Krimineller fast nicht möglich. War man nicht für eine bestimmte Organisation, war man automatisch dagegen und somit vogelfrei.

Der Titel des Buches („Live by Night“ im Original) ist gut gewählt. Tag und Nacht, Gut und Böse – sie sind naturgegebene Gegenspieler. Joe sagt einmal über die Nacht: „Sie ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach seinen Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen. Das Dumme ist nur, wir haben im Grund gar keine Regeln.“

Lehane hat eine angenehm klare Sprache und schreckt auch vor drastischen Bildern nicht zurück. Das ist angesichts der Thematik unvermeidlich, aber niemals voyeuristisch. Er zeigt zudem, nach welchen banalen Prinzipien Politik und Wirtschaft funktionieren. So ist Joe überzeugt davon, dass die Prohibition schon bald Geschichte sein wird: „Allein deswegen, weil dem Staat in den letzten zehn Jahren Millionen und Abermillionen an Einfuhrzöllen, Mautgebühren und Steuern durch die Lappen gegangen sind – möglich, dass er sogar Milliarden verschenkt hat. Und deshalb wird die Regierung Leute wie mich auf den Plan rufen, damit wir das Land für sie retten – und zwar, indem wir mit legal verkauftem Alkohol Millionen scheffeln.“


Filmrechte verkauft.
Lehane erzählt eine bereits oft erzählte Geschichte so fesselnd, dass man niemals meint, er wandere auf abgetretenen Pfaden. Er versucht nicht, zwanghaft innovativ zu sein, sondern Altbekanntem neue Seiten abzugewinnen. Die Filmrechte sind übrigens bereits verkauft. Ben Affleck wird Regie führen, Leonardo DiCaprio soll die Hauptrolle spielen.

Neu Erschienen

Dennis Lehane
„In der Nacht“
übersetzt von
Sky Nonhoff
Diogenes
583 Seiten
23,60 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2013)