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Kalaschnikow wird nun doch auf Heldenfriedhof beerdigt

Michail Kalaschnikow, der Erfinder des gleichnamigen weltbekannten Sturmgewehrs
Michail Kalaschnikow, der Erfinder des gleichnamigen weltbekannten Sturmgewehrs(c) REUTERS (� POOL New / Reuters)
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Der russische Nationalheld starb im Alter von 94 Jahren. Er hatte kaum vom AK-47-Welterfolg profitiert.

Der im Alter von 94 Jahren gestorbene legendäre russische Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow wird nun doch nicht in seiner Heimat Ischewsk, sondern auf einem Moskauer Heldenfriedhof beerdigt. Die Verwandten des Erfinders hätten dies so entscheiden, teilte die Regierung der russischen Teilrepublik Udmurtien am Dienstagabend mit.

Am Vormittag hatten die Behörden noch erklärt, dass der am Montag nach schwerer Krankheit gestorbene Held Russlands in Ischewsk beerdigt werde. Das nach Kalaschnikow benannte Sturmgewehr mit dem gekrümmten Magazin gilt als die am meisten verbreitete Waffe.

Kalaschnikow wurde am 10. November 1919 als Sohn armer Bauern (seine Mutter Alexandra Frolovna Kaverina blieb bis zu ihrem Tod 1957 Analphabetin) im Dorf Kurja in der schönen Gebirgsregion Altai geboren, im Grenzgebiet zu China, der Mongolei und Kasachstan. Er hatte 18 (!) Geschwister, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Er war „Nummer 17" von 19 und wäre mit sechs Jahren auch fast gestorben.

Nationalheld

Er galt in der Sowjetunion und in Russland als Nationalheld. Er entwickelte das Gewehr mit dem offiziellen Namen AK-47, als er sich von einer Verletzung aus dem Zweiten Weltkrieg erholte. Der Name steht für "Automatik Kalaschnikow" und das Jahr der Entwicklung - 1947. Das Gewehr wurde weltweit mehr als hundert Millionen Mal hergestellt. Zu den Vorzügen gehört die hohe Verlässlichkeit auch unter schwierigsten Bedingungen.

Der Mann, der im rauen Winter 1919 in den zentralasiatischen Tiefen des eben untergegangenen Zarenreichs geboren worden war, liebte das Basteln, das Fräsen und Schrauben. Er musste erleben, wie er und seine Familie tiefer nach Sibirien hinein deportiert wurden und sein Vater dabei umkam. Mit sechs Jahren wäre er selbst fast gestorben, später, ja bis heute, liebte er es, zu dichten, schrieb gar sechs Bücher voller Gedichte.

Derselbe Mann baute in den 1940ern eine Waffe, die seither mit Sicherheit vielen Millionen Menschen das Leben gekostet hat und jeden Tag irgendwo auf der Welt, vom Kongo über Syrien bis zu den Philippinen, zum Töten benutzt wird. Und jetzt dürfte er selber dabei sein, zu gehen: Michail Timofejewitsch Kalaschnikow, der Erfinder des gleichnamigen weltbekannten Sturmgewehrs, liege in lebensbedrohlichem Zustand im Krankenhaus der Stadt Ischewsk im mittleren Uralgebiet, rund 980 Kilometer östlich von Moskau, hieß es am Montag. Er werde dort „wiederbelebt", sagte der Gesundheitsminister der Region Udmurtien, Wladimir Muslow.

 

Der 94-jährige Kalaschnikow war, altersbedingt, schon länger angeschlagen. In den vergangenen Monaten war er mehrmals ins Krankenhaus der 630.000-Einwohner-Stadt zwischen Kasan und Perm eingeliefert worden; die Stadt war über Jahrzehnte (im Grunde sogar seit Mitte des 19. Jahrhunderts) von der großen Waffen- (und später Auto-) Fabrik „Ischmasch" geprägt worden, die im Vorjahr Pleite ging, aber in Teilen fortbesteht.

Ein weltweiter Verkaufsschlager

Krankenhäuser sind Orte, die zahllose Menschen mit Glück lebend verlassen konnten, wenn sie von Kalaschnikows Erfindung „bloß" verletzt worden waren. Er hatte nämlich einen Maschinenkarabiner konstruiert (heute sagt man Sturmgewehr dazu, der Begriff „Karabiner" bezog sich seinerzeit auf die im Verhältnis zu damaligen Gewehrpatronen relativ schwache Munition), den die Sowjet-Streitkräfte 1949 als „AK-47" in Großserie einführten.

Seither haben mindestens 60 Länder, von Polen über Ägypten bis China, als Standardgewehr für ihre Truppen die Kalaschnikow bzw. spätere Varianten wie AKM oder AK-74 gewählt.

AFP Auch Osma bin Laden griff gern zur KalaschnikowAuch Osma bin Laden griff gern zur Kalaschnikow / Bild: AFP 

Die schlanken Waffen mit dem auffälligen gekrümmten Magazin sind auch hochbeliebt bei Guerilla- und Terrorgruppen (auch Terroristenführer Osama bin Laden griff gern zur Kalaschnikow, wie man auf dem Foto sieht; diesfalls handelt es sich aber um eine Kurzversion, höchstwahrscheinlich aus unlizenzierter Fertigung).

Übrigens: Das bekannte Logo der deutschen Terrorbande „Rote Armee Fraktion" (RAF) zeigt nicht, wie oft irrig behauptet wird, eine Kalaschnikow, sondern eine „klassische" MP5 des Herstellers Heckler & Koch aus Baden-Württemberg.

Mehr als 100 Millionen Stück

Einige Länder bauen eigene Varianten auf Kalaschnikow-Basis (etwa Chinas Typ-56 und das jugoslawisch/serbische M-70 von Zastava), und weil die Waffe relativ einfach konstruiert ist finden sich selbst in Ländern wie Pakistan und Afghanistan Waffenschmiede, die sie in Kleinserie und billig für jedermann bauen.

Die Zahl der produzierten Kalaschnikows ist daher schwer zu schätzen: 2009 wurde sie mit bis dahin mehr als 100 Millionen angegeben, davon etwa die Hälfte unlizenzierte Nachbauten. Ischmasch soll zu dieser Zeit pro Jahr vielleicht zehn Prozent der weltweiten Gesamtproduktion gefertigt haben.

Stalin deportierte Kalaschnikows Familie

Sein Vater Timofei fiel als Bauer („Kulake") unter Stalins Diktatur in Ungnade, worauf 1930 fast die ganze Familie mehr als 800 Kilometer nach Norden in die sibirische Region Tomsk deportiert wurde, was der Vater nicht überlebte.

Michail hatte Interesse an Maschinen und Gewehren und durfte 1936 mit Zustimmung seines Stiefvaters die Schule verlassen und nach Kurja zurück, wo er eine technische Ausbildung in der Traktoren- und Eisenbahnwerkstatt erhielt. 1938 wurde er zur Roten Armee eingezogen, kam zu den Panzertruppen und bastelte an diversen kleinen Verbesserungen von Panzern und Gewehren.

Kommandant eines T-34

Er wurde Kommandant eines der damals brandneuen T-34-Kampfpanzer: Die wurden bei ihrem Auftauchen auf dem Gefechtsfeld wenige Wochen nach der Invasion der Deutschen und ihrer Verbündeten (etwa Rumänien) im Juni 1941 zum Schrecken der Angreifer.

Oktober 1941 wurde Kalaschnikow in der Schlacht von Brjansk südwestlich von Moskau schwer verwundet und kam in ein Lazarett, wo er bis Frühjahr 1942 blieb. Dort, so die Fama, habe er Soldaten über ihre Gewehre jammern gehört - die waren in der Regel recht groß und grobschlächtig, etwa die Repetiergewehre vom Typ Mosin-Nagant, die schon in den 1890ern entwickelt worden waren. Darauf beschloss der junge Mann, etwas neues zu entwerfen.

Wikipedia Kalaschnikow anno 1949Kalaschnikow anno 1949 / Bild: Wikipedia 

Zunächst bastelte er eine Maschinenpistole - die stieß zwar auf kein Interesse, aber Kalaschnikow wurde nun von der Roten Armee im sicheren Hinterland als Waffenschmied angestellt.

1944 baute er einen halbautomatischen, mit Gasdruck betriebenen Karabiner vom Kaliber 7,62, der von US-Vorbildern beeinflusst war. Seine Stunde schlug 1946/47, als die UdSSR ein völlig neues „Sturmgewehr" suchte, also eine Infanteriewaffe, die - einfach gesagt - schnell schießen kann wie eine MP, aber größere Reichweite und Durchschlagskraft hat wie ein Gewehr.

Inspiration: Das deutsche Sturmgewehr 44

Die Russen waren damals vor allem von einem deutschen Vorbild beeindruckt: Dem Sturmgewehr 44, das 1943/44 eingeführt wurde und der späteren Kalaschnikow nicht unähnlich sieht - damit hatte ein einzelner deutscher Soldat ein Vielfaches an Feuerkraft im Vergleich zu den herkömmlichen Gewehren (in der Regel vom Typ Mauser Modell 98), bei denen man nach jedem Schuss repetieren musste, um eine Patrone aus dem Magazin zu laden. Das „StG 44" wurde vielfach erbeutet und es ist sicher, dass Kalaschnikow es auseinandergebaut und studiert hat.

Swedish Army Museum Ansichten des deutschen StG 44Ansichten des deutschen StG 44 / Bild: Swedish Army Museum 

Davon inspiriert schuf er das AK-47 (Automat Kalaschnikow), reichte es 1947 beim Gewehr-Wettbewerb der Armee ein und setzte sich klar gegen erfahrenere Konkurrenten wie die Konstrukteure Wassili Degtjarow und Georgi Schpagin durch, die seinem Entwurf Respekt zollten. 1949 begann die Einführung der Waffe bei den Streitkräften, seit damals lebte Kalaschnikow dauerhaft in Ischewsk und arbeitete für Ischmasch.

Die AK-47 ist aber keine durchgehende Kopie des StG 44, insbesondere ist der Verschlussmechanismus des Gasdruckladers, der ungeladen nur 4,3 Kilogramm wiegt und typisch mit 30- oder 40-Schuss-Magazin arbeitet, viel simpler, ja genial gestaltet. Ein Gasdrucklader nützt, einfach gesagt, den Druck des Gases der explodierenden Patronen-Treibladung, um mit dessen Kraft die leere Patrone auszuwerfen, eine neue aus dem Magazin in den Lauf zu führen, zu spannen und abzufeuern, so lange man den Abzug drückt.

Rein damit in den Sumpf, heraus, schießen

Ohne ins Detail eingehen zu wollen sei einfach gesagt, dass die Waffe mit weniger Bauteilen auskommt als Modelle anderer Staaten, auf gewisse „luxuriöse" Details verzichtet und sich vor allem der Verschluss ganz leichtläufig, ohne viel Kontakt zum umliegenden Gehäuse, bewegt, sprich: Verschmutzungen, Nässe oder Eis, die andere Sturmgewehre beim Schießen blockieren, haben wenig Ansatzpunkte und hemmen die Bewegung der Waffenteile nicht oder kaum.

Sprichwörtlich ist es möglich, eine Kalaschnikow im Sumpf zu lagern, sie herauszunehmen und sofort schießen zu können (theoretisch mit 600 Schuss/Minute). Dabei „verrät" sie sich durch ihr charakteristisches dumpfes, scheinbar recht langsames „Tuschen" bei den Schüssen - im Gegensatz etwa zum hektischen hellen Tackern der amerikanischen M-16-Sturmgewehre, die in Wüsten und Dschungelumgebungen (Stichwort Vietnam) eher schlecht gegen die Kalaschnikows abschnitten.

RIA Sowjetische KGB-Grenzwächter in Moskau, 1972Sowjetische KGB-Grenzwächter in Moskau, 1972 / Bild: RIA 

Kalaschnikow baute die AK-47 zu einer Waffenfamilie in vielen Varianten aus, etwa zur AKM (M steht für „modernisiert"), die um 1960 auftauchte. Sie wird noch einfacher gebaut, nämlich großteils durch Pressen und Prägen von Blech (die AK-47 wird aus Metallblöcken gefräst), und ist daher deutlich leichter. Die aktuellen Kalaschnikows sind jene der Serie „AK-100+". Insgesamt kreierte Kalaschnikow etwa 150 Modelle leichterer und schwererer Gewehre und MPs.

"Ein Produkt, auf das jeder Russe stolz ist"

Kalaschnikow wurde, vor allem in seiner Heimat, vielfach ausgezeichnet. Zu seinem 90er anno 2009 ernannte ihn der damalige Präsident, Dmitri Medwedew, zum „Held der Russischen Föderation", denn er habe ein Produkt geschaffen, auf das „jeder Russe stolz ist."

Kalaschnikow hatte mit seiner Frau Jekaterina Viktorowna Moisejewa (1921-1977, Ingenieurin) vier Kinder, von denen drei noch leben. Seine Tochter Elena (*1948) schrieb mit ihrem Vater Anfang der 2000er-Jahre dessen urtypisch schlicht betitelte Biografie „Mein Leben", die 2004 im deutschen Kunstmann-Verlag erschien.

Finanziell hatte er von seinem tödlichen Jahrhundertentwurf wenig. Seit etwa 2003 hat er allerdings einen 30-Prozent-Anteil an der deutschen Firma „Marken Marketing International" in Solingen, die mit nicht ganz klarem Erfolg diverse Waren wie Messer, Uhren und Regenschirme unter dem berühmten „K"-Namen vertreibt. Großteils lebte er in den letzten Jahren aber von seiner bescheidenen Pension in einer kleinen Wohnung.

Bestürzt ob des Unheils

Anlässlich einer UN-Konferenz zum Thema Kleinwaffen 2006 sagte der Mann, der die Poesie so liebte, er sei heute „bestürzt, dass gerade meine Gewehre auf der Welt so viel Unheil anrichten".

U.S. Department of Defense (MC1 David Frech) Afghanischer Polizeischüler mit KalaschnikowAfghanischer Polizeischüler mit Kalaschnikow / Bild: U.S. Department of Defense (MC1 David Frech)

(APA/AFP/dpa)