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Skarsgard: "Religion ist mit Aberglauben gewürzte Ideologie"

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Der Hollywoodstar aus Schweden spielt in "Der Medicus" einen versoffenen Bader. Mit der "Presse" sprach er über den Film und seine Abneigung gegen Monotheismus.

Kaum ein Literaturklassiker mehr ohne Filmadapation. Jetzt hat es den „Medicus“ erwischt. US-Autor Noah Gordon erzählt darin von einem jungen Mann, der im 11.Jahrhundert nach Persien reist, um dort in die Geheimnisse der Medizin eingeführt zu werden. Vor seiner Abreise treckt er mit einem Bader, einem „Arzt der kleinen Leute“, durch das düstere Europa. Mit selbst gebrauten Tränken, ruppigen Körpereinrenkungen und Amputationen versuchen die marktschreierischen Volksheiler, den Massen von Verarmten einen frühzeitigen Tod oder bleibende Schäden zu ersparen. Der Deutsche Philipp Stölzl („Nordwand“) hat den „Medicus“ jetzt mit internationaler Starbesetzung verfilmt. Der gebürtige Schwede und Hollywoodstar Stellan Skarsgård glänzt darin als versoffener Bader.

 

Die Presse: Welchen Zugang hatten Sie denn zu der Figur des Baders?

Stellan Skarsgård: Er macht alles, um zu überleben. Also verkauft er Tränke: Einige wirken, andere nicht. Ihm ist das egal, solange er sie verkaufen kann. Für die Rolle habe ich nicht wirklich recherchiert. Es gibt kaum Informationen zur Medizin in diesen dunklen Jahrhunderten. So habe ich mich ganz auf das Drehbuch verlassen.

 

Im Film verurteilen einige diesen Bader als Hexer und vermuten, dass er mit dem Teufel im Bunde steht.

Ich werde auch von Mönchen verprügelt!

 

Sehen Sie den Film als religionskritisch?

Er ist nicht so kritisch wie ich selbst! Das Problem mit den drei monotheistischen Religionen aus dem Bronzezeitalter ist, dass sie nur einen Gott kennen. Und wenn der fordert, dass man nur ihn liebt und auf alle anderen scheißt, heißt das auch, dass es nur eine Wahrheit geben kann. Wer an ihn glaubt, meint dann, er kenne die einzige Wahrheit. Das ist sehr gefährlich. In polytheistischen Religionen gibt es immer Konversationen zwischen mehreren Gottheiten. Man kann nicht im Namen von Thor töten, weil dann Baldur an deiner Türe klopft und sauer ist.

 

Sie haben sowohl die Bibel als auch den Koran von Anfang bis Ende gelesen.

Religion wurde für mich wichtig, als nach 9/11 George W. Bush sagte, dass ihn Gott an diese Stelle gesetzt habe. Er wurde also nicht vom amerikanischen Volk, sondern von Gott gewählt. Wie die Terroristen. Also habe ich sowohl die Bibel als auch den Koran gelesen. Die Menschen behaupten, dass sehr viel Gutes von diesen Büchern abstrahlt. Das stimmt einfach nicht. Das Alte Testament ist ein verdammtes Massaker! Im Neuen Testament ist das einzig wirklich Gute die Bergpredigt, und die ist bloß ein kurzes Kapitel in einem Buch, an dem ich ein halbes Jahr lang gelesen habe. Jesus nennt, sowohl im Markus- als auch im Matthäusevangelium, jeden, der nicht jüdisch ist, einen Hund. Erst Paulus hat die Religion dann verbreitert, indem er gesagt hat, dass sie für alle da ist. Im Besonderen natürlich für die herrschende Klasse...

 

Welche Analogien fanden Sie denn zwischen dem Koran und der Bibel?

In beiden gibt es einen extrem rachsüchtigen Gott. Im Koran steht, glaube ich, über 200Mal, dass man in der Hölle brennen wird, wenn man nicht an Allah glaubt. In der Bibel schreibt nur Paulus über die Hölle. Immerhin musste er mit den anderen Göttern konkurrieren, die damals auf dem Markt waren. Der Gott aus dem Alten Testament ist sehr rachsüchtig. Er versucht sogar, Moses zu töten. Seine Frau rettet ihn schließlich, indem sie seinem Sohn die Vorhaut abschneidet und ihn mit dem Blut einreibt. Es ist also gut, sich daran zu erinnern, dass man immer ein paar frisch abgeschnittene Vorhäute in einem Beutel haben sollte, wenn man nicht von Gott getötet werden will.

Als Schauspieler sind Sie ziemlich abenteuerlustig. Sie drehen sowohl Hollywoodspektakel wie „Fluch der Karibik“ als auch– wiederholt – mit Lars von Trier.

Man isst ja auch Verschiedenes. Manchmal hat man Lust auf ein Bœuf bourguignon, dann auf einen Lutscher. Wenn ich große Filme wie „The Avengers“ drehe, kann ich danach mit meinem Namen einen kleinen unabhängigen Film mitfinanzieren. Die Geldgeber schauen ja immer nur darauf, wie viel Geld meine letzten Filme eingespielt haben. Wenn das zwei Milliarden Dollar waren, halten sie es für ein gutes Investment.

 

Was hat Sie am „Medicus“ interessiert?

Zuerst meine Figur. Dann die Zusammenarbeit mit Philipp Stölzl, dessen „Nordwand“ ich mochte. Und natürlich, dass der Film diskutiert, inwieweit man einem Aberglauben erlauben darf, den Fortschritt zu behindern.

 

Für sich selbst haben Sie diese Frage ja schon beantwortet, oder?

Natürlich! Aber sie bleibt relevant. In osteuropäischen Ländern wie Polen ist der Kommunismus vom Katholizismus abgelöst worden. Eine autoritäre Ideologie folgte auf eine andere. Die UNO hat eine Erklärung verabschiedet, die besagt, dass man die Religion eines anderen nicht beleidigen darf. Das ist doch verrückt! Dann stelle ich mich hin und sage: „Hitler war ein Gott!“ Und niemand darf mich dafür kritisieren? Religion ist nichts als mit Aberglauben gewürzte Ideologie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2013)