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Testosteron macht schwach und hart

(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
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Das Hormon bringt Männern ein schwächeres Immunsystem: Sie holen sich eher Grippe. Im Hirn zeigen sich solche Schwächen nicht, es neigt eher zu Lug und Trug, etwa in der Finanzwelt.

Dass Männer „so verletzlich“ sind, weint uns Herbert Grönemeyer seit 1984 in die Ohren, er reimt es auf „unersetzlich“, spannt aber dann den Bogen weit, zu den Schattenseiten – „Männer lügen am Telefon“ – und den Hintergründen: „Männer kriegen dünnes Haar.“ Die zentrale Frage, wann denn ein Mann nun ein Man sei, ist nur noch rhetorisch: Er ist es dann, wenn er viel Testosteron in sich hat, das gibt ihm markant männliche Gesichtszüge, das dünnt seine Haare aus – nur die oben auf dem Kopf, alle anderen wuchern –, das bringt Aggressivität.

Und es macht wirklich verletzlich: Männer sind empfindlicher für Infektionen, auch Parasiten wehren sie schlechter ab, auf Impfungen reagieren sie weniger, im Gegenzug leiden sie seltener unter Autoimmunkrankheiten: Ihre Abwehr ist schwächer, und wenn sich einer im Gesicht trotzdem als richtiger Mann zu erkennen gibt, dann signalisiert er den Frauen damit, dass er sich die Schwäche leisten kann, weil seine Gene so gut sind.

Es gibt die „Männergrippe“!

Liegt dann allerdings eine Grippe in der Luft, machen viele Männer so rasch eine so erbarmungswürdige Leidensmiene, dass angelsächsische Frauen über „man flu“ spotten. Zu Unrecht, es gibt die geschlechtsspezifisch höhere Anfälligkeit für Grippe, und es gibt das geringere Ansprechen auf die Grippeimpfung. Bei Letzterem ist Mark Davis (Stanford) den Details nachgegangen, in Aufzeichnungen, die in Stanford seit fünf Jahren geführt werden (Pnas, 23. 12.): Jedes Jahr kommen Menschen jeden Alters zur Grippeimpfung, vorher und nachher wird Blut abgenommen. In dem der Frauen gibt es mehr Immunoglobine, sie werfen bei Infektionen das Immunsystem an, lösen Entzündungen aus. Bisher vermutete man, dass sie hinter der Anfälligkeit für Grippe und der Reaktion auf die Impfungen stehen.

Aber zumindest bei der Impfung tun sie das nicht – sie haben keinen Einfluss auf den Teil des Immunsystems, der beim Impfen aktiviert wird: Antikörper. Auch das Testosteron hat keinen direkten Einfluss. Die Zusammenhänge sind komplexer: Testosteron beeinflusst eine Gengruppe – sie hat mit dem Fettstoffwechsel zu tun –, und die beeinflusst das Immunsystem. Linear: Es ist bei Frauen so stark wie bei Männern mit wenig Testosteron – die Werte schwanken individuell stark –, aber bei Männern mit viel Testosteron ist es schwach. Das allerdings ist rätselhaft: Ausgerechnet die mit dem höchsten Aggressionspotenzial, die rasch und hart in Kämpfe gehen, auch mit dem Körper, ausgerechnet die also, die auch die meisten Verletzungen davontragen, in die Infektionserreger eindringen können, ausgerechnet die sind am wenigsten geschützt. Davis spekuliert, dass es in der Evolution just darum gegangen sei: Wer oft verletzt wird, muss das Immunsystem dämpfen, es braucht sonst zu viel Energie.

Überzeugen will das nicht. Aber wie auch immer, irgendwann sind auch vergrippte Männer wieder gesund und eilen in ihre Büros, auch die der Finanzwelt. Und schon hat das „Wall Street Journal“ eine Weihnachtsgeschichte für seine Klientel: „Eine chinesische Wissenschaftsstudie zeigt: Je männlicher ein Mann, desto anfälliger ist er für Bilanztricksereien und persönliche Bereicherung“ (24. 12.).

Das ist zwar auch ein bisschen getrickst – der Artikel ist von einem Mann geschrieben, er hat vermutlich viel Testosteron –, die entsprechende Studie stammt vom Mai. Aber lesens- und erinnernswert ist sie doch (sie steht im Netz: „Testosterone and Financial Missreporting“): Yuping Jia (Frankfurt School of Finance & Management) hat bei der Ratingagentur Standard and Poor's den S&P-1500-Index für das Jahr 2009 ermittelt. In diesem sind repräsentativ große, mittlere und kleine Aktiengesellschaften in den USA erfasst, mitsamt ihrem Führungspersonal.

Bei Geld auf das Gesicht sehen!

Das hat die Forscherin dann – auf Fotos – näher in Augenschein genommen: Natürlich konnte sie nicht zu den CEOs gehen und sie um Blut bitten, aber in grober Näherung steht der Testosterongehalt eben ins Gesicht geschrieben, das Hormon beeinflusst auch das Knochenwachstum, besonders in der Pubertät. Dann schiebt ein hoher Testosteronspiegel die Wangenknochen auseinander, in der Höhe hingegen – zwischen Unterlippe und Augenlidern – bleibt es– es geht also in die Breite, das kann man messen. Dann muss man nur noch die Geschäftsberichte lesen – Yuping Jia kann es –, und sieht, wer wo wann belogen und betrogen hat, Zahlen geschönt oder Aktienboni nicht zum fälligen Zeitpunkt kassiert, sondern zum für ihn günstigsten: Viel Testosteron bringt eine 1,4 Mal so hohe Wahrscheinlichkeit dafür.

Da spielt viel zusammen – Aggressivität, Risikobereitschaft, Egozentrismus –, und das kann intern durchaus auch der eigenen Firma schaden. Aber insgesamt profitiert sie nach bisherigem Forschungsstand davon, wenn ihr Personalchef auf breite Männergesichter achtet (und selbst eines hat).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2013)