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Sie reden wie eine, Sie leben wie eine? Dann sind Sie eine!

"Ich bin keine Feministin, aber...": Dieser Frauentag sei speziell jenen Frauen gewidmet, die stets meinen, sich vom Feminismus distanzieren zu müssen.

Es gibt viele dieser Frauen. Sie kennen sicher eine. Vielleicht sind Sie sogar selbst eine. Sie sagen: „Also Feministin bin ich keine, aber...“. Was nach „aber“ kommt, ist meist recht vernünftig. Feministin bin ich keine – aber Gleichberechtigung finde ich schon wichtig. Feministin bin ich keine – aber gleiches Geld für gleiche Leistung sollte doch eigentlich selbstverständlich sein. Feministin bin ich keine – aber wenn jemand „typisch Mann“ oder „typisch Frau“ sagt, dann geht mir das ziemlich auf die Nerven. Feministin bin ich keine – aber emanzipiert bin ich schon.

Das ist, bei genauerer Betrachtung, eine paradoxe Unterscheidung. Denn was ist Feminismus anderes als genau dieses: Gleichberechtigung zu wollen. Sich aus Geschlechterklischees zu lösen. Rollenzuschreibungen abzustreifen, die Männern und Frauen vorschreiben, wie sie jeweils kollektiv zu sein haben. Statt sie einfach Individuen sein zu lassen, in all ihrer wunderbaren Verschiedenheit.

Die Ziele des Feminismus können heute offenbar viele Frauen – und viele Männer – unterschreiben. Ganz selbstverständlich setzen sie einiges davon in ihrem persönlichen Leben auch um. Wie kommt es dann jedoch, dass sie gleichzeitig das dringende Bedürfnis verspüren, sich auf Schritt und Tritt vom F-Wort zu distanzieren? Das hat zwei Gründe.

Der erste ist ein machttechnischer. Seit Jahrzehnten schon arbeiten jene, die sich von emanzipierten Frauen bedroht fühlen, eifrig daran, das F-Wort zu beschmutzen. Was hat man nicht alles versucht, um den Feminismus in die Nähe abstoßender anderer -ismen zu rücken (Terrorismus, Fundamentalismus, Rassismus...)? Und was hat man Feministinnen nicht alles angedichtet, um sie in der öffentlichen Wahrnehmung zu Schreckschrauben zu machen?

Männerhass und Hässlichkeit, Verbitterung, Verklemmtheit, Psychoschäden – es geht so weit, dass man meinen könnte, Feminismus sei eine ekelerregende, ansteckende Krankheit, denen eine Frau besser großräumig ausweicht, wenn sie anständig bleiben will. Diese Taktik geht so: Bleibst du dem F-Wort fern, wirst du belohnt – denn du hast „so etwas“ ja nicht notwendig. Streifst du hingegen an, wirst du bestraft. Dann lieben wir dich nicht mehr. Dann stehst du im Eck bei deinen hässlichen Schwestern – und sag' dann nicht, wir hätten dich nicht gewarnt.

Hieran kann man trefflich ablesen, wie Machterhalt funktioniert. Wie kreativ und perfide Männer sein können, wenn es darum geht, Bastionen zu verteidigen. Wäre dies das einzige Problem mit dem Wort Feminismus – es wäre ein Grund, es umso stolzer vor uns her zu tragen. Anders ist das beim zweiten Problem. Das ist ein semantisches. Wörtlich genommen, führt der Feminismus nämlich nur das Femininum im Namen und transportiert damit eine Botschaft: Das Thema hat ausschließlich mit Frauen zu tun. Geht nur Frauen etwas an. Ist eine Angelegenheit, die Frauen sich untereinander ausmachen. Genau das mag in der Selbstfindungsphase tatsächlich wichtig gewesen sein, als es darum gegangen ist, für Frauen eigene Räume zu schaffen, in denen sie ungestört Erfahrungen austauschen und Strategien entwickeln konnten.

Doch über diese Phase sind wir heute, am Frauentag 2014, hinaus. Sobald Feminismus tatsächlich die Gesellschaft und die Machtverhältnisse verändern will, kann er sich nicht mehr auf Frauen beschränken.

Die Emanzipation aus den Geschlechterrollen und die Neuverteilung von Aufgaben wird nicht gelingen, indem eines der beiden Geschlechter sich verändert und das andere bloß dabei zuschaut. Gleichberechtigung ist kein Zuschauersport.

So gesehen wäre es vielleicht tatsächlich an der Zeit, für Feminismus ein neues Wort zu suchen. Eines, in dem sich beide Geschlechter wiederfinden. Bei dem Männer und Frauen sich gleichermaßen angesprochen fühlen.

Man wird sich ja noch was wünschen dürfen zum Frauentag.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

 

Zur Autorin:

Sibylle Hamann
ist Journalistin

in Wien.
Ihre Website:

www.sibyllehamann.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2014)