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Jobbik-Chef: "Wir sind ein dekadenter Kontinent"

Jobbik President Vona delivers a speech at a rally in Budapest
Gabor VonaREUTERS
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Gábor Vona, Chef der rechtsextremen ungarischen Partei Jobbik, will Ungarn Richtung Russland und Asien ausrichten. Das internationale Finanzkapital will er zurückdrängen.

Die Presse: Im Wahlkampf schlägt Jobbik gemäßigtere Töne an als früher. Warum?

Gábor Vona: Im September des Vorjahres verkündete ich einen Stilwandel. Ich kam zur Einsicht, dass unser Programm zwar sehr gut ist, es aber nicht entsprechend kommuniziert wurde. Das war nicht zuletzt auf die feindselige Haltung der Medien zurückzuführen, doch machten auch wir häufig Fehler. Unsere Leidenschaftlichkeit und Unmutsbekundungen führten oft zu Stilfehlern. Ich bat meine Parteifreunde, darauf zu achten, den Menschen unsere Politik so differenziert wie nur möglich zu erklären, bei gleichbleibendem Inhalt natürlich. Es scheint, dass die Partei das verstanden hat. Und dank ihr auch die Menschen.

Was ist aus der Ungarischen Garde geworden? Wie steht Jobbik heute zu dieser Garde?

Die Ungarische Garde wurde von den Medien in den Dreck gezogen, obwohl die grundsätzliche Idee darin bestand, nach dem Vorbild der schweizerischen oder der amerikanischen Garde aktiven und tatendurstigen Menschen in Ungarn eine sinnvolle Aufgabe zu geben. Im Chaos der Regierungsjahre unter Gyurcsány fiel die Garde aber den politischen Schlammschlachten zum Opfer.

Wie sieht Ihre Bilanz der Orbán-Regierung aus?

Erfolgreich war sie in erster Linie in der Nationalpolitik. Das wichtigste Ergebnis war die Doppelstaatsbürgerschaft. Letztlich war unser Einzug ins Parlament ausschlaggebend, dass es da einen Durchbruch gab. Ein weiteres Ergebnis ist die Schaffung von finanzieller Stabilität, allerdings musste die Gesellschaft dafür einen hohen Preis zahlen. Schließlich hat die Regierung auch noch auf dem Gebiet der Kommunikation Großartiges vollbracht. Die nackte Realität jedoch, die mit allerlei rhetorischen Kniffen verdeckt wurde, kann nicht als erfolgreich bezeichnet werden. Ich pflege zu sagen, dass die Fidesz-Regierung wie Jobbik spricht, aber wie die Sozialisten handelt.
Bei den echten Schicksalsfragen konnte die Regierung keine Erfolge aufweisen: Die Zahl der Arbeitsplätze ist nicht gewachsen, der Exodus von Wirtschaftsflüchtlingen konnte nicht gestoppt werden, die Staatsverschuldung befindet sich auf Rekordniveau, es wurden keine industriellen Kapazitäten geschaffen, die sich in nationaler Hand befinden, die Souveränität des Landes ist innerhalb der Union nicht gewachsen, der Schutz des ungarischen Bodens konnte nicht vollständig gewährleistet werden.

Welche Pläne haben Sie, sollten Sie ans Ruder kommen?

Wir wollen, dass die Menschen ein Auskommen finden, wir wollen Ordnung, und wir wollen frühere korrupte und dem Land abträgliche Regierungen und Politiker zur Rechenschaft ziehen.

Wie würden Sie gegenüber ausländischen Investoren agieren?

Unternehmen, die Know-how und neue Technologien ins Land bringen sowie Arbeitsplätze schaffen, sehen wir gern. Mit ihnen wollen wir für dieses Land ein Bündnis bilden. Das hegemoniale multinationale Kapital wollen wir jedoch zurückdrängen. Was Ungarn produzieren kann, und was das Land selbst an Dienstleistungen bieten kann, sollen künftig nicht Ausländer, sondern Ungarn machen.

Worin müsste sich Ihrer Meinung nach die Politik gegenüber der Roma-Minderheit ändern?

Anstatt die Rechte hervorzuheben, sollte das Gewicht auf die Pflichten gelegt werden. Um hier ein Missverständnis aus der Welt zu räumen: Wir wollen die Gesellschaft nicht in Ungarn und Zigeuner teilen, sondern in Menschen, die anständig und strebsam sind, und solche, die das nicht sind. In keinem einzigen unserer Programmpunkte unterscheiden wir zwischen ungarischen Staatsbürgern auf religiöser oder ethnischer Grundlage. Und ich kann versichern, dass wir das auch niemals tun werden.

Mit welchen europäischen Parteien würden Sie kooperieren? Welchen radikalen Parteien ähnelt Jobbik am meisten?

Ich habe eine vernichtende Meinung über die politische Leistung Europas. Wir sind ein dekadenter und heuchlerischer Kontinent, der– wenn wir so weitermachen – in der Versenkung verschwindet. Europa muss auf den eigenen Pfad zurückkehren und die eigenen Traditionen wieder hochhalten. Denn was wir jetzt beobachten können, ist eine für uns völlig fremde und schädliche Amerikanisierung. Aus diesem Grund suchen wir mit denjenigen den Kontakt, die ähnlich denken und die eine euroasiatische anstatt einer euroatlantischen Zukunft für Europa sehen, so wie wir. Das bedeutet Partnerschaften mit Russland, der Türkei, der arabischen Welt und maßgeblichen Staaten im asiatischen Raum.

ZUR PERSON

Gábor Vona (*1978) ist Chef der rechtsextremen ungarischen Partei Jobbik. Er ist auch Mitbegründer der Ungarischen Garde, einer paramilitärischen Gruppe, die mit Märschen durch Roma-Siedlungen Schrecken verbreitete. Nach ihrem Verbot wurde sie 2009 neu gegründet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2014)