Filmkritik

Im Wald, auf der Suche nach Trost

Brigitte Hobmeier spielt die versehrte Heimkehrerin Marian: Eine Glanzleistung in Großaufnahme. 
Brigitte Hobmeier spielt die versehrte Heimkehrerin Marian: Eine Glanzleistung in Großaufnahme. Filmladen
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Schonungslos und ohne Schnörkel erzählt Elisabeth Scharang in „Wald“ von einer traumatisierten Frau, die im sozialen Rückzug Linderung erfährt. Ab Freitag im Kino.

Nur der schicke Mantel und der Rollkoffer, dessen kleine Räder nervös über die Schotterstraße hüpfen, verweisen auf die Herkunft dieser Frau. Sie kommt aus der Stadt und weiß noch nicht, dass sie länger bleiben wird in dieser kargen Landschaft. In diesem kleinen Dorf, zu dem nicht einmal der Bus fährt. Unter diesen abweisenden Menschen, die zwar den Zusammenhalt von Freundschaft und Familie predigen, aber nicht gern von sich selbst erzählen. Lang war Marian nicht mehr da und hat sich dem alten Haus, den Leuten, der Landschaft entfremdet. Jetzt kommt sie zurück in der Hoffnung auf Heilung. Linderung zumindest. Und schafft damit Unruhe bei denen, die sie einst hier zurückgelassen hat.

Der Schmerz sitzt tief. Von dem Terroranschlag in Wien, den Marian überlebt hat, und den Panikattacken, die sie seither plagen, erzählt Autorin und Regisseurin Elisabeth Scharang in ihrem neuen Film „Wald“ nur in Sekundenbruchteilen. Ihre Marian ist keine gescheiterte Existenz wie in der Romanvorlage von Doris Knecht. Deren Figur hat es sich selbst zuzuschreiben, dass sie sich für die falschen Männer und für das falsche Investment entschieden hat. In inneren Monologen rechnet sie ab, während sie in einem kalten, undichten Haus einen weiteren Winter zu überstehen versucht.

Scharang hat sich davon inspirieren lassen. Sie lässt vieles weg, was der Roman erzählt. Ihr geht es nur um die innere Entwicklung dieser Frau, die durch den sozialen Rückzug, durch das Zurückgeworfensein auf ein elementares Erleben möglich wird.

Figuren, so rau wie die Landschaft

Scharangs Erzählstil ist schonungslos und ohne Schnörkel. Die Figuren sind nach außen hin so rau wie die Landschaft, über die bald die Herbstnebel ziehen. Nackt wirft sich Marian in den See, um dann die Lungen mit der kalten Luft zu füllen. Sie joggt durch den Wald. Nein: Sie rennt vor etwas davon. Und schreit. Ein Urschrei, der klingt wie eine verzweifelte Bitte. Um Vergessen. Und um den Trost, den der Wald spendet. Man meint das Moos zu riechen, das Marian liebevoll betastet, bevor sie es mit nach Hause trägt.

Auch die Freundin von damals erweist sich als Glücksfall. Dabei hegt Gerti tiefen Groll auf Leute wie Marian, die einfach weggehen. In ein besseres Leben, das nicht so trist ist wie ihr eigenes. Wer betreut schon gern den prügelnden, alkoholkranken Vater und die demente Mutter. Allein. Es dauert, bis Gerti erkennt, dass auch Marian eine Last zu tragen hat. Wenn auch eine, die man nicht sieht.

Kein Wohlfühlfilm

„Wald“ ist kein Wohlfühlfilm. Aber der Wald, das Moos stehen für Hoffnung. Immerhin. Ohne die schauspielerische Glanzleistung der Hauptdarsteller würde das aber nicht funktionieren: Brigitte Hobmeier ist eine herbe, verletzliche Marian. Ihr Gesicht erzählt auch, wenn sie nicht redet. Eine Glanzleistung in Großaufnahme. Sie gibt eine Frau, die aus der Bahn geworfen wurde und trotzdem stark ist. Die aus der Innenschau Kraft gewinnt. Großartig auch Gerti Drassl und Johannes Krisch als dagebliebene Dorfbewohner. Man spürt die Verbitterung. Gertis Wut auf ihr verpfuschtes Leben und die Freundin, die sie verlassen hat. Irgendwann liegen sie dann aber doch betrunken im Schnee und grölen alte Lieblingslieder. „Du hast einmal gefragt, was mich glücklich macht“, sagt Gerti. „Ich habe noch immer keine Antwort.“


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