Mein Donnerstag

Wo bleibt der Lärm um den Lärm?

Wenn Politiker dieser Stadt über ein zukunftsfähiges, klimafittes, lebenswertes Wien sprechen, scheint klar, was zu tun ist: mehr Bäume und Pflanzen, bessere Öffis, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, bessere Aufenthaltsqualität für die Menschen, energieeffizientes und leistbares Wohnen und so weiter. Ein Thema wird fast immer ausgespart, warum, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Es ist der Lärm.

Gut, Wien ist eine Großstadt. Es ist klar, dass bei zwei Millionen Menschen auf engem Raum ein gewisser Pegel entsteht – und eine Ruhe, in der jedes Kuhglockenbimmeln zu hören ist, brauch und will ich gar nicht. Trotzdem, dass das Thema so vehement ausgespart wird, grenzt an Fahrlässigkeit.

Warum? Man braucht sich nur die österreichische Lärmkarte (auf lärminfo.at) ansehen. Dunkelrote bis violette Linien ziehen sich da wie ein Netz über die Stadt – entlang aller mehr befahrenen Straßen. Das bedeutet so viel wie 65 Dezibel oder mehr, die dort im Durchschnitt gemessen werden. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt einen Tagesdurchschnitt von höchstens 55 Dezibel – ein Wert, der übrigens auch in ruhigen Wohngegenden am Stadtrand überschritten wird. Ab einer Dauerbeschallung von 60 bis 65 Dezibel spricht die Forschung von einem erhöhtem Gesundheitsrisiko für Erkrankungen, weil sich etwa Stoffwechsel und Hormonhaushalt und sogar die Gehirnstromaktivität ändern können. Schon mit weniger Dezibel erhöht sich Stress, man schläft schlechter, auch üble Laune und Ärger nehmen zu. Vielleicht der wahre Grund für Wiens berühmt-berüchtigtes Grantlertum?

Auch meine Wohnadresse liegt im grenzwertigen Bereich von 65 bis 70 Dezibel. Klar, man ist nicht immer zu Hause (wobei der Lautstärkepegel in der „Presse“-Redaktion zuweilen durchaus eine Studie wert wäre – ich nenne keine Namen), und die Fenster habe ich auch nicht die ganze Zeit geöffnet. Aber was nützt mir die kühle Luft der vielen neuen Bäume, wenn man sie wegen des Lärms nicht in die Wohnung lassen kann?

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