Gastkommentar

Das Veilchen-Eigentor des Philosophen

Rapid-Funktionäre und Spieler skandieren homophobe Chöre. Der Teamchef warnt. Ein Philosoph hingegen verteidigt.

Als Kind war ich Fan von Casino Salzburg. Auf den Zuschauerrängen standen mehr Wehrmachtsangehörige als Frauen, und den Schiedsrichter wollte das Publikum wegen jeder Kleinigkeit „hängen“. Die „Schlacht“-Gesänge des Fanklubs bestanden aus zwei bis vier im Stakkato hinausgegrölten Wörtern. Mit dem Umzug nach Wien wechselte ich meine Haut und gehörte fortan zu jenen, die bei Volkszählungen in der Sparte Religion Rapid Wien eintrugen.

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Was mir jedoch am Traditionsverein von Beginn an missfiel, waren die Rülpser der Fanklubfans. Deren Gesänge waren hier komplexer, keine alten Wehrmachtsangehörige waren mehr zu sehen, dafür gab es sichtlich und hörbar Neonazis. Mir war immer klar: Wer die nicht raushaut, deckt und züchtet sie.

Als Lyriker konnte ich nicht umhin, manche Schmähgesänge zu bewundern. Und so kam mir auch der Ansatz von Robert Pfallers Kommentar „Bitte anständig schimpfen!“ (21. 3.) entgegen, in dem er vom Standpunkt des Gebrauchsphilosophen sämtliche positiven Seiten des inkriminierten, durchaus homophoben Gesangs „Wir sind keine oaschwarmen Veilchen“ zusammensammelt. Ja eh, die Kanalisierung von Wut, die Affektabfuhr! Ja eh, das Spielerisch-Poetische des elegant rhythmisierten Satzes!

Gesamtbild betrachten

Sich ein Detail zur Analyse herauszunehmen mag zum Philosophenvorrecht gehören. Aber wäre es dabei nicht Pflicht, das Gesamtbild zu betrachten, anstatt reflexartig gegen sogenannte „Gutmenschen“ oder Sprachbewusste vorzugehen? In jener „Posse“, die mit Sperren und einem Punkteabzug für die Mannschaft endete, ging es zunächst nicht um Homophobie. Eher um die simple Tatsache, dass Geschäftsführer und Ex-Legende Steffen Hofmann die Spieler des Lokalrivalen öffentlich als „die Oaschlecha“ bezeichnete.

Der ewige „Dialog mit den Fans“ führt zu nichts, wenn die Vereinschefs deren simples Weltbild teilen und mittragen. „Bitte anständig schimpfen!“ – gilt für das Publikum. Für die höchsten Funktionäre auch? Bizarrerweise, sehr österreichischerweise trat Hofmann nicht sofort zurück, im Gegenteil, er entschuldigte sich halt.

Ralf Rangnicks Warnung

Einige Fußballer wurden wegen des Skandierens der „oaschwarmen Veilchen“ für ein paar Spiele gesperrt. Vielleicht ungerecht – wer weiß, wie bekannt in ihrer Generation der Ausdruck „Warme“ für Homosexuelle ist?

Nur macht es eben einen Unterschied, ob ein Schlachtgesang eines historisch rechtsextrem unterwanderten Fanklubs solche Schmähungen absondert oder ob sich Profifußballer mit ihrer viel zitierten Vorbildfunktion mit dem intelligenzgeminderten Teil der Anhängerschaft gemein machen, deren Weltbild ganz klar für eine Sache steht: für Homophobie.

Dass ein Philosoph den Vorfall in manieristisch-poetischer Anmaßung unter „österreichischem Charme“ subsumiert, ja indirekt in die Nähe von „Unesco-Kulturerbe“ rückt und dafür Nestroy, Duchamp, Homer und Wittgenstein als Zeugen aufruft, ist einfach nur ein Veilchen, das er sich selbst schlägt.

Eine knappe Woche nach den Vorfällen gab ÖFB-Teamchef Ralf Rangnick nach dem Verzicht auf die Einberufung der Rapid-Sänger dem „Standard“ ein Interview, in dem er vor der Machtübernahme der Rechtsextremen in Deutschland und Österreich ebenso wie vor Verbreitung von Hass, Verschwörungstheorien, Intoleranz warnte. Die Rapid-Fans reagierten beim nächsten Spiel: „Rangnick, du Oaschloch!“ Die Vereinsverantwortlichen griffen nicht ein. Ist ja unser Weltkulturerbe.

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Der Autor

Martin Amanshauser (*1968 in Salzburg) arbeitet als Autor und Reisejournalist (u. a. im „Schaufenster“ der „Presse“).

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