Die Voest wurde vom Betriebsrat regiert

Apfalters Herzprobleme – welcher Art sie auch immer gewesen sein mögen – waren Ergebnis unglaublichen politischen Drucks, der auf den Managern der verstaatlichten Industrie lastete. Ab 1973 waren die vier Eisen- und Stahlunternehmen (Voest, Alpine, Böhler und Schoeller-Bleckmann) zu einem Konzern zusammengefasst worden. Auf Druck der Betriebsräte und des Gewerkschaftspräsidenten Anton Benya. Mit der „großen Stahllösung“, wie man das bezeichnete, wurde die neue Voest-Alpine AG die mit Abstand größte Industriegruppe Österreichs. 103 in- und ausländische Firmen umfasste das unüberschaubare Konglomerat: Eisenerz- und Kohlebergbau, Eisen- und Stahlerzeugung, Stahlweiterverarbeitung, Walzwerke, Schmieden, Gießereien, Rohrwerke und Drahtziehereien, Stahlbau, Maschinen- und Anlagenbau, Handelsagenturen (darunter auch die „Intertrading“), ja sogar Wohnungsbaugesellschaften. Ein unbeweglicher Koloss mit 25 Standorten, ein Gigant. Sehr groß für ein so kleines Land. Ein unsinkbarer Tanker in den Augen der Öffentlichkeit.


Kreiskys ganzer Stolz

Der seit 1971 mit absoluter Mehrheit regierende „Sonnenkönig“ Bruno Kreisky hatte den Ehrgeiz, aus dem neuen Konzern gemeinsam mit den Gewerkschaften einen Musterbetrieb zu machen. Tatsächlich erwirtschaftete die Voest-Alpine AG 1974 einen ausgewiesenen Bilanzgewinn von knapp zwölf Millionen Euro, trotz Ölkrise. Doch die Zahlen waren frisiert, wie sich viel später herausstellen sollte.

84.275 Menschen fanden Ende 1974 hier Lohn und Arbeit. Der Höchststand sollte zugleich auch das Ende des stolzen Riesen markieren. Innerhalb von drei Monaten wurden beim Blech Aufträge in Höhe von 143 Mill. Euro storniert. Die Preise rutschten, die Kosten aber wuchsen. Das Management und Finanzminister Androsch wollten einen radikalen Sparkurs, Benya und Kreisky wollten aber partout keine Entlassungen: „Ein paar Milliarden Schilling Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar tausend Arbeitslose!“ Der Bundeskanzler hatte ein Trauma seit der Massenarbeitslosigkeit in der Zwischenkriegszeit. Und er war damit parteipolitisch nicht nur erfolgreich, er war nahezu unschlagbar. Und er glaubte den Versicherungen Apfalters, die Krise werde nur drei Jahre dauern, die könne man „durchtauchen“.


„Freiwillige Sozialleistungen“

Statt einer Kürzung der sogenannten freiwilligen Sozialleistungen setzte der allmächtige SPÖ-Zentralbetriebsrat Franz Ruhaltinger sogar Erhöhungen durch. Der „freiwillige Sozialaufwand“ wuchs zwischen 1974 und 1983 von 63 Millionen Euro auf 129 Millionen. Die Betriebsräte verbesserten sich's in dieser Zeitspanne um sagenhafte 200 Prozent. Dazu kam nach Aussage des kenntnisreichen Ex-Klubchefs Sepp Willedie Sturheit von Landeskaisern: Steiermarks Josef Krainer habe sich aus Angst vor seiner Wählerschaft „in katastrophaler Weise“ jeglicher Strukturveränderung widersetzt. Die vorzeitige Alterspension für überflüssige Voestler war der einzige Rettungsanker für das Bundesbudget. So gelangte Österreich am Ende der Ära Kreisky zum fragwürdigen „Weltmarktführer“, was das Pensionsalter betrifft.


„Wir sind pleite. Pleite!!“

Erst ab 1986 konnten Hugo Michael Sekyra, Claus Raidl und Alexander Wrabetz die Trendwende herbeiführen. Dabei sprach Sekyra das geflügelte Wort zur Voest-Belegschaft: „Glauben Sie mir – wir sind pleite. Pleite!!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2007)