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Import Export: Betörend trauriger Song for Europe

(c) Filmladen
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Ulrich Seidls schonungsloses Zeitbild „Import Export“. Hypnotischer Erzählfluss. Sternstunden der Real-Satire zwischen Internet-Sexcenter und Lainzer Geriatrie. Ein Meisterwerk über Leben und Leiden. Ab Freitag.

Den Leerlauf der Existenz bringt der Film schon im Eröffnungsbild hinter sich, noch vor dem Titel Import Export und der Signatur seines Schöpfers. „Ein Film von Ulrich Seidl“, steht da, nachdem in einem für den Regisseur typischen Frontal-Tableau ein Mann in der Eiseskälte vor dem Plattenbau wieder und wieder vergeblich versucht, per Pedaltritt sein Motorrad zu starten. Wieder und wieder. Es ist ein perfektes Seidl-Bild.

Ein Gefühl kommt auf, das man aus früheren Seidl-Filmen zu kennen meint: Von der Beharrlichkeit und Vergeblichkeit inmitten widrigster Umstände. Es wäre zum Totlachen, wenn es nicht zum Weinen wäre. Und umgekehrt. Das Gefühl ist auch ein wenig unbehaglich, weil einen die Seidl-Figuren aus diesen unverwechselbaren Tableaus so direkt ansehen: Als hätten sie einen ertappt.

Dieses Unbehagen begleitet hier zwei eigentlich ganz einfache Geschichten, die sich Seidl und Co-Autorin Veronika Franz ausgedacht haben, und in die dann in jahrelanger Kleinarbeit europäische Wirklichkeit geflossen ist. (Augenscheinlich weggefallen ist dafür Seidls brechtische Neigung zur langen, in die Handlungsleere angehaltenen Einstellung: Der ruhige, aber von allem Überschuss befreite, hypnotische Fluss von Import Export zeigt einen großen Erzähler.)

In der Import-Geschichte lässt die unbezahlte ukrainische Krankenschwester Olga (Ekateryna Rak) ihr Kind zurück und geht in den vermeintlich goldenen Westen, nach einem untalentierten Zwischenspiel im Internet-Sexcenter, wo Seidl Sternstunden der Realsatire auskostet, etwa wenn Olga radebrechend Pornobegriffe für die deutschsprachige Kundschaft lernt.


Zwei Männer im dauernden Revierkampf

Schließlich landet sie als Putzfrau in Wien: mehr Realsatire und Lernen (korrekte Reinigung eines ausgestopften Fuchskopfs), ein kurzes Zwischenspiel im Bürgerhaus (exzellente Kleinrolle im durchwegs superben Großensemble für Petra Morzé als unbarmherzige Mutter), zuletzt wieder ein Krankenhaus – die Lainzer Geriatrie. Dort darf Olga als Reinigungskraft die Kranken nicht mehr berühren; um mit einem freundlichen Patienten zu tanzen, geht sie in den Keller.

Parallel dazu, ohne inhaltlichen Berührungspunkt die Export-Geschichte des Wieners Pauli (Paul Hofmann), der als Security-Guard scheitert, nach aggressiver Arbeitslosigkeitsphase mit dem Stiefvater (Michael Thomas) gen Osten aufbricht, um Automaten für Kaugummi und mehr Leergut zu exportieren: zwei Männer im dauernden Revierkampf. Eine pulsierende lange Nacht in der ukrainischen Disco endet im Hotelzimmer, wo der ältere die „Macht des Geldes“ demonstriert, indem er eine junge Einheimische zur nackten Erniedrigung animiert.

Die Macht des Geldes, der Luxus im Westen hat sich da schon in Überalterungserscheinungen gezeigt: Das Gestammel der dementen Lainz-Patienten ist der poetisch-verstörende Singsang des alten Europas im Totenbett. (In einer unvergesslichen Einstellung schaut Olga dazu in die Kamera, verträumt bis fassungslos: Sie hört die Musik des Sterbens.) Um die alten Körper und das Tabu vom Tod zu verdrängen, hilft die Ausbeutung der jungen Importkörper aus dem Osten: In solchen thematischen Verbindungen wächst Seidls Film übers Existenzielle ins Politische. Nach dem Energiebündel österreichischer Pathologien in Hundstagegibt es hier aber mehr zärtliche Traurigkeit und sympathiewürdige Protagonisten. Vielleicht ist das Seidls Song for Europe: Die Menschheit funktioniert (wie die Szenenfolge von Import Export) noch immer über Erniedrigung – aber die ist nicht alles.

Leben heißt immer Leiden im kontroversen Kino dieses Regisseurs, da lässt sich die katholische Herkunft nicht leugnen. Aber das eigentlich Kontroverse ist die oft dokumentarisch anmutende Intensität, mit der dieses Leiden (und seine Darstellung) bewusst gemacht wird. Import Export ist dem Augenschein der sorgfältig gewählten, schäbigen Schauplätze zum Trotz ein schöner Film, nicht nur weil er in der endlosen Euro-Zone von Schmerz und Hoffnung, von Lächerlichkeit und Gefahr erhabene und erschütternde Bilder findet und dahinter die Ahnung einer anderen, besseren Welt.


Sehnsucht nach Harmonie

Diese Ahnung ist ein wenig wie die tröstliche Melancholie des sentimentalen alten Russen-Schlagers, der Olga begleitet und den sie schließlich der Tochter übers Telefon vorsingt, als sie es sonst nicht mehr aushält. Und diese Ahnung mag unwirklich anmuten wie der verlorene, anmutige Tanz von Olga und einer Kollegin auf dem roten Teppich eines riesigen Restaurants oder vergeblich wie diese endgültige Nachtaufnahme in der Geriatrie, die Schemen umflossen vom Rhythmus des Zungenschnalzens und der Wortwiederholung einer dementen Patientin: „Tot!“ Aber diese Ahnung manifestiert sich auch, ganz unerwartet, mitten im Leben und Leiden. Im vielleicht schönsten Moment des Films, in einer der angriffslustigen Debatten mit dem Stiefvater, antwortet Pauli, der sich immer nur über Konfrontation zu definieren scheint, auf die Frage, was er sich vom Leben erwartet.

Und er sagt, er wünscht sich: Harmonie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2007)