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Von Japan bis Mexiko: „Pisa“ hobelt alle gleich

In drei Wochen wird die nächste Pisa-Studie präsentiert. Das befürchtete Abrutschen löst schon jetzt Hysterie aus.

Die Pisa-Studie – genauer: das, was man dieser Studie zuschreibt – ist ein einziger Schmäh. Pisa misst höchstens sich selbst, behaupten namhafte Bildungsexperten und Wissenschafter, die (jeder für sich) ihren Ruf zu verteidigen haben. Der Pisa-Test erkundet nicht den Bildungsstandard eines Landes und liefert schon gar nicht einen Vergleich der Länder untereinander, er zeigt vielmehr, was 15-Jährige von dieser Studie selbst halten. Und zwar unbeschadet davon, ob der Inhalt der Testaufgaben bereits in der Schule unterrichtet wurde, ob die Fragen überhaupt sinnvoll in ihre Sprache übersetzt wurden, ob sie ihrem Lebens- und Kulturbild entsprechen.

Die Autoren des derzeit im Druck befindlichen kritischen Pisa-Buchs konzentrieren sich jeweils auf ihr Land und dessen Abschneiden in dieser Vergleichsstudie. Kein einziger ist zufrieden, die meisten sprechen von einer unseriösen Erhebung. Auch nicht der Autor aus Finnland, das als Pisa-Sieger in die Annalen einging.

Österreich hat ein eigenartiges Verhältnis zu dieser unter der Ägide der OECD durchgeführten Arbeit. 2001 war Jubel angesagt, lagen wir doch im guten Mittelfeld, vor allem aber einige Ränge vor Deutschland. 2004 haben uns die Deutschen überholt, Katzenjammer war die Folge. Jetzt wird ein weiteres Abrutschen befürchtet bzw. vorhergesagt. Manche obrigkeitshörige Österreicher glauben sowieso an jedes Ranking, das aus dem Ausland kommt, andere instrumentalisierten flugs die Ergebnisse nach dem eigenen politischen Gutdünken. Dass man die Pisa-Ergebnisse unabhängig vom Länder-Ranking auf Österreichs Schulwirklichkeit herunterbricht, (und damit Pisa einen fachlichen Stellenwert gibt) – dieser Arbeit unterzieht sich kaum jemand.

In Deutschland scheint klar, dass Pisa ein Votum für das differenzierte Schulsystem ist, lagen doch Bayern und Baden-Württemberg mit ihrer Vielfalt an Schulformen klar vor den Gesamtschulländern im Norden Deutschlands. Diametral anders die Interpretation in Österreich: Da wir nun einmal mittelmäßig bis miserabel abschneiden, müsse sich das Land an dem Pisa-Sieger Finnland messen. Und dort gibt es die Gesamtschule, also muss sie auch für Österreich gut sein.

Ob die österreichische Schülerpopulation mit jener aus Finnland zu vergleichen ist, ob nicht der exorbitant hohe Immigranten-Anteil hierzulande eine andere Ausgangsposition schafft, wurde erst gar nicht ansatzweise erörtert. Das hätte vielleicht manche Schlagzeile zunichte gemacht, manche politische Attacke als Schaumschlägerei entlarvt. Die Oppositionsseite rief im Dezember 2004 (Veröffentlichung der Pisa-Studie 2003) den politischen Notstand aus, die damals für die Schulbelange zuständige ÖVP bunkerte sich ein. Die Folge war eine verkrampfte Bildungspolitik, bisweilen auch deren Stillstand. Zahlreiche Politiker pilgerten nach Finnland, um sich Anleitungen für ihre Politik zu holen. Kaum jemanden verschlug es zum Pisa-Zweiten Korea, wo ein uniformer Drill das Schulgeschehen prägt. Allein die Reihung Koreas knapp hinter Finnland zeigt, wie sehr die Ergebnisse einer Interpretation bedürfen.

Die Hysterie in Österreich, die sich schon drei Wochen vor der (offiziellen) Verkündung der Ergebnisse breit macht, werden auch wissenschaftliche Expertisen kaum mildern können. Man sollte Pisa analysieren, was für das österreichische Verständnis wichtig ist, was nicht. Die Kernfrage ist freilich: Streben wir eine gleichgeschaltete Bildung an, eine, die man nach den gleichen Parametern rund um den Globus messen kann?

Österreich kann durchaus auch selbstbewusst sein – wenn es um seine Geschichts-tradition und das mitteleuropäische Erbe geht, um seine großen Musiker und die gegenwärtige Staatsoper. Gewisse Mängel sind bekannt, ohne Zweifel, fehlende Mobilität und Internationalität gehören dazu. Andere Länder haben wiederum ihre spezifische Eigenheiten, mehrere Länder liegen bezüglich ihres Kulturverständnisses tatsächlich auf einer Linie. Und jetzt soll alles über einen Kamm geschoren werden? Nach acht Schuljahren sollen die Burschen und Mädchen aus Österreich die gleichen Antworten liefern wie ihre Altersgenossen in Japan, Irland und Mexiko? Das kann doch wahrlich nicht das Ziel sein!

Aus Pisa lernen: Ja. Pisa eilfertig zur eigenen Maxime erheben: Nein. Eine selbstbewusste Bildungspolitik muss über verbale Schnellschüsse nach der Pisa-Veröffentlichung am 4. Dezember erhaben sein. Wie selbstbewusst diese Politik in Österreich ist, wird sich in zwei Wochen zeigen.

„Unwissenschaftliche“ Pisa-StudieSeite 1
Bildungsdokumentation Seite 2


erich.witzmann@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2007)