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Geheimdienst: Russlands Spione haben viele Chefetagen erobert

EPA (Sergei Ilnitsky)
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Westliche Firmen kooperieren mit Unternehmen von Ex-KGB-Leuten. Auch Gazprom ist fest in der Hand von KGB-Veteranen.

moskau/wien. „Der KGB ist besser als ein MBA“, titelte die russische Ausgabe von „Smart Money“ vor einigen Wochen. Die gute Ausbildung in der Kaderschmiede des „neuen“ KGB wird allseits gewürdigt. Und tatsächlich: Russlands Geheimdienstler besetzen nicht nur die Top-Position in der Politik, sondern haben auch die Wirtschaft ihres Landes fest im Griff. Allen voran Präsident Wladimir Putin, selbst in den Neunzigern Chef des KGB-Nachfolgers FSB. Er hat sich ein Netzwerk aus treuen Ex-Agenten geschaffen, die wichtige Positionen in den Schlüsselindustrien einnehmen.


KGB-Fonds auf Einkaufstour

Gazprom, das strategisch wichtigste wirtschaftliche Vehikel der russischen Führung, ist fest in der Hand von KGB-Veteranen. Bei ChannelOne, dem bedeutendsten Sender des Landes, sitzt mit Alexei Gromow auch ein Putin-Vertrauter an der Spitze. Sergej Tschemezow, der gemeinsam mit Putin in Ostdeutschland gedient hat, ist Eigner von Rosoboronexpert, einem Rüstungsunternehmen. Mittlerweile zeigen auch westliche Firmen immer weniger Berührungsängste mit Ex-KGB-Männern. So kommt es, dass Oleg Shvartsman, selbst ehemaliger FSB-Agent, als Fonds-Manager der FinansGroup in den USA unbehelligt eine Gruppe von Investoren aus dem Dunstkreis des Geheimdienstes vertreten kann.


Großes Gewaltpotenzial

Das Problem: Die starke Verknüpfung von Geheimdienst und Wirtschaft trägt ein großes Gewaltpotenzial in sich, sagt Jewgenia Albats, eine russische Autorin. „Das sind Leute, die wissen, wie man ein Unternehmen an sich reißt oder etwas erpresst, von Management haben sie keine Ahnung. Sie üben Druck aus, einfach, weil sie nicht wissen, wie sie es sonst machen sollen“, sagt ein Ex-KGB-Spion in einem „Economist“-Interview.

Shvartsman zeigte sich in einem Interview stolz auf die engen Verbindungen zum Geheimdienst. Das helfe seinem Unternehmen in Russland, weil die Firmen-Eigner „wissen, woher man kommt“. Offenbar eine Drohung, die viele Unternehmer ernst nehmen und sich auf Geschäfte einlassen, die sie unter anderen Umständen vielleicht nicht gemacht hätten. Dementiert hat Shvartsman die Aussage bis heute nicht, dem Journalisten hat er allerdings ausgerichtet, er solle „Gift trinken“. Eine Aussage, die sofort an den Tod Alexander Litvinenkos erinnert. Jenen Kreml-Kritiker, der vergangenes Jahr von Andrej Lugovoi, einem anderen russischen „Geschäftsmann“, im Auftrag des Geheimdiensts mit Polonium vergiftet worden war.


Boeing und Renault

Trotzdem setzen immer mehr westliche Firmen auf Kooperation mit den KGB-Firmen. Der Markt in Russland ist interessant und verspricht hohe Renditen. Allein heuer wurden 45 Mrd. Dollar (30,97 Mrd. Euro) an westlichem Kapital dort investiert. Und es gibt mehr Verknüpfungen, als man denkt: Boeing kauft das Titan für seinen 737 Dreamliner von Tschemezow. Exxon Mobil hat eine Partnerschaft mit Rosneft, an deren Spitze der Ex-Agent Igor Setschin sitzt. Renault besitzt mit Tschemezow die russische AvtoVaz.

Ganz wohl fühlt man sich offenbar nicht dabei. Einzig Renault ließ wissen, dass AvtoVaz ein interessanter Partner sei und man sonst keine Bedenken habe.

Doch was passiert, wenn die Ex-Spione das tun, wofür sie ausgebildet wurden, nämlich spionieren? Der Fall von Wladimir W., der heuer im Sommer in Österreich Pläne von EADS-Hubschraubern erbeuten wollte, ist noch in Erinnerung.

Russland hingegen wehrt sich gegen Wirtschaftsspionage mit allen Kräften. Im Mittelpunkt steht auch dabei wieder einmal der Geheimdienst. Künftig soll der FSB bei allen Auslandsinvestitionen in strategischen Wirtschaftsbereichen das letzte Wort haben. Zum Schutz vor westlichen Spionen, versteht sich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2007)