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"Yella": Der Alptraum des Risikokapitals

Stadtkino
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Neu im Kino. Ein Geisterfilm: Christian Petzolds starke Studie „Yella“. Ab Freitag.

Das brandenburgische Wittenberge ist eine Geisterstadt: Nach dem Mauerfall sind die größeren Unternehmen schrittweise abgestorben, haben eine Arbeiterflucht in den Westen ausgelöst. In Christian Petzolds Wirtschaftshorrorfilm Yella ist dieses Soziotop aus zerbrochenen Träumen und brüchigen Hoffnungen Startpunkt der Reisebewegung einer jungen Frau, die sich vom Job in Hannover ein anderes, besseres Leben verspricht.

Nina Hoss spielt die Titelfigur als zwischen Lebensernst und Fantasie (also auch: dem Film) Festgezurrte: Ihre Yella fügt sich zu den ungreifbaren, phantomartigen Frauen, die Petzolds Werk durchstreifen (gespielt von Julia Hummer in Die innere Sicherheitund Gespenster, von Hoss in Toter Mannund Wolfsburg). Diese Frauen wandeln durch Petzolds hyperrealistische Filme wie die Wiedergänger durch George A. Romeros Zombiefilm Die Nacht der lebenden Toten.

Der Genrefilm ist schon lange ein Bezugspunkt des 37-jährigen Westfalen Petzold, dient seinen anspruchsvollen Arbeiten jedoch weder als lakonisches Zitat (das nur verweist, aber nichts bedeutet) noch als ästhetisches Phänomen, sondern als Bestandteil von Lebens- und Wirtschaftsrealitäten. In Yella begreift Petzold den phantastischen Topos der Entfremdung und Entkörperlichung als allgegenwärtig und zeigt ihn als Überlebensstrategie im Kapitalismus. Yella lässt sich vom Gatten Ben (die Ehe ist gescheitert, seine Firma insolvent) zum Bahnhof fahren: Das Gespräch mit dem Gestern endet im Fluss. Sie überlebt den Selbstmordanschlag, er taucht nicht mehr auf.

Petzold ist Regisseur und Cinephiler: Sein neuer Film ist nach einem kaum bekannten „One-Hit-Wonder“ des US-Kinos geformt. 1962 drehte der Industriefilmer (!) Herk Harvey Carnival of Souls: An der Oberfläche eine Spukgeschichte in Gothic-Optik, darunter ein früher Kapitalismus-Alptraum.


Gespenster in der Industriewüste

Eine junge Frau lässt sich da treiben, schaltet unwillkürlich um zwischen zwei Realitätsebenen (Leben und Tod?) inmitten der flirrenden Salzwüste Utahs. Schein und Sein rinnen ineinander, wo für gewöhnlich der Schein beworben und das Sein vergessen wird: Am Höhepunkt des „Seelenfaschings“ tanzen Gespenster in einer verfallenen Freizeitanlage, deren Brocken ebenso von „einer besseren Zeit“ erzählen wie die Industriegebäude in Wittenberge. Auch Yellas neuer Job in Hannover ist ein Phantom: Die Bürogebäude sind ausgeräumt, der Chef auf der Flucht, sie steigt im Hotel ab. Zwischen Spuren des Vergangenen und leeren Hotelräumen trifft sie Risikokapital-Manager Philipp (Devid Striesow), der sie als Assistentin anheuert. In Verhandlungen mit Geschäftsführern in Not geratener Unternehmen soll die junge Frau nur posieren (den Schein stärken), beeindruckt aber bald mit Fachwissen und schlagenden Argumenten.

Der Wirtschaftsflüchtling als Geisterwesen ist in dieser abstrakten Welt der Zahlen und Daten zu Hause: Entkörperlicht und ent-emotionalisiert wird Yella zur großen Nummer unter den Finanzjongleuren. Diese Gesprächsrunden zwischen Laptop und Glastisch sind Herzstück von Petzolds Film, nähren sich aus einer Arbeit seines Freundes Harun Farocki: Nicht ohne Risiko (2004) war die so beeindruckende wie unheimliche Dokumentation einer Handvoll Risikokapitalsitzungen, ihre Blickachsen und Körperhaltungen, Begrifflichkeiten und Phrasen finden sich in Yella wieder.

Petzold schiebt diesen Realitäten (die abstrakt sind) einen Horror (der konkret ist) unter: Yellas Lebenswelt kollabiert ständig, ihre Sinne spielen verrückt, in kurzen, schockierenden Sequenzen begegnet sie ihrem toten (?) Mann wieder. Aus dem zerbröselnden Bekannten wandert sie, wie einst Wanda in Barbara Lodens gleichnamigem Film von 1970 ins Abenteuer, findet schnelles Glück und neue Hoffnung. Am Ende steht der Anfang, im Leben wie in der Wirtschaft wie im Film: Yella ist zum Geist geworden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2008)