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Wissenschaft extrem: Was kann Kaffeesudlesen?

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Im wissenschaftlichen Diskurs gilt es als Pseudonym für unseriöse Prognosen. Was steckt dahinter?

Wissenschaftler neigen dazu, bei Fragen nach der Zukunft sehr unklar zu werden. Kein Wunder, sind Prognosen doch häufig schwierig zu stellen. Oft wird dabei argumentiert, dass eine solche Prognose „Kaffeesudleserei“ sei. Heißt das womöglich im Umkehrschluss, dass Kaffeesudleserei ein probates Mittel für Prognosen darstellt und die Wissenschaft schlicht und einfach nicht weiß, wie mit diesem anscheinend machtvollen Prognosetool umgegangen werden muss? „UniLive“ hat nachgebohrt.

1Recherche: Wo steht Kaffeesud im wissenschaftlichen Kontext?

Das Lesen des Kaffeesuds geht vermutlich auf das Lesen von Teeblättern zurück, das in China und Japan Tradition hatte. Im wissenschaftlichen Diskurs kommt dem Kaffeesudlesen – auch Kaffeedomantie genannt – keine allzu große Bedeutung zu. Weder findet man im Katalog der Uni-Bibliothek allzu viel Literatur zu diesem Thema, noch stechen Lehrveranstaltungen dazu im Vorlesungsverzeichnis ins Auge. Die Lektüre beschränkt sich weitgehend auf Esoterik-Ratgeber, die zumindest auf der Hauptbibliothek nicht gelistet sind. Im Folgenden eine kurze Auswahlbibliographie:

Wetterer, Eva-Christine: Die Kunst der richtigen Entscheidung. Murmann Verlag, Hamburg 2005
Odeh, Samer: Kaffeesatzlesen. Arche Noah Verlag, Peiting 2006.
Mala, Matthias: Kaffeesatz und Kartenlegen. Neue und alte Wahrsagespiele. Hugendubel Verlag, München 1990 (3. Auflage)

2Einführung: Welcher Kaffee muss verwendet werden?

Nespresso hat keine Zukunft. Diese Aussage kann man in Bezug auf die Kaffeesudleserei stehen lassen. Denn die bunten Tabs hinterlassen in der Kaffeetasse nicht eine Spur von Sud, sondern lassen nur die braune Flüssigkeit durch. Auch Filterkaffee ist nicht geeignet, so wie auch aus der French-Press kein verwertbares Material in die Tasse gelangt. Einzige zukunftsträchtige Methode ist die türkische (auch arabische, griechische, armenische,...) Art der Zubereitung, bei der besonders fein gemahlener Kaffee mit Wasser (nach Belieben mit Zucker) in einer Kanne aus Kupfer oder Messing, die „Cezve“ oder „Ibrik“ genannt wird, aufgekocht und ohne Filterung direkt in die Tasse gegossen wird.

3Methodenlehre: Welche Technik muss angewandt werden?

Wie bei jeder Disziplin haben sich auch beim Kaffeesudlesen unterschiedliche Denkschulen herausgebildet. Auf einer Seite steht jene Gruppe, die den Kaffeesud direkt in der Tasse liest. Die Annahme dabei ist, dass der Kaffeetrinker unterbewusst seine Schwingung auf die Tasse überträgt und dadurch Bilder und Symbole entstehen lässt. Bei der zweiten Denkschule wird die Tasse bis zum Bodensatz ausgetrunken, danach mit dem Unterteller zugedeckt, dreimal geschüttelt und umgedreht. Aus dem Muster am Boden lassen sich Voraussagen über die Zukunft machen. Inwieweit die beiden Denkschulen in Konkurrenz zueinander stehen oder ihre Technik unterschiedliche Ergebnisse liefert, ist im wissenschaftlichen Diskurs bislang nur wenig bekannt.

4Interpretation: Wie kommt man zu

Ergebnissen?

Glaubt man der Literatur, erfolgt die Deutung vor allem über das Unterbewusstsein. Ähnlich wie bei anderen Methoden geht es um Assoziationen und Bilder, die man im Kaffeesud zu erkennen glaubt. Sieht der Betrachter eine Blume, könnte das Erfolg, Flirt oder Freundschaft bedeuten. Ein Stiefel könnte für Erfolg, ein Tisch für Verluste stehen. „Professionelle“ Kaffeesatzleser sprechen von einer Vertrauensbasis zum Frager, ohne die man zu keinen Ergebnissen kommen kann – der Kaffeesud wäre also ein Vorwand, um den „Patienten“ zum Reden zu bringen.

www.kaffeesudlesen.at 5Verwertung: Was passiert mit dem Material nach der Lektüre?

„Kaffeesatz lässt sich, statt weggeworfen zu werden, für verschiedene Zwecke im Haushalt einsetzen“, sagt Edmund Mayr vom Wiener Kaffee Kompetenz Zentrum. So kann er etwa als Peeling für Hände verwendet werden. Gärtner schwören auf Kaffeesud als Dünger, andere setzen ihn als Mittel gegen Fruchtfliegen ein. Gartenbesitzer mischen ihn dem Kompost bei, um Regenwürmer anzulocken. Was mit Kaffeesud alles angestellt werden kann, bringt Mayr in Kürze auch in einem eigenen Buch heraus – noch ist er auf der Suche nach einem Verleger.

www.kaffeemuseum.at 6Kunst: Hat Kaffeesud auch einen künstlerischen Wert?

Es scheint so. Die steirische Künstlerin Monika Morrison, die vorwiegend in Acryl, Sand und Pastell arbeitet, brachte auch eigene Bilder aus Kaffee heraus. „Ihre Arbeiten sind ein Spiegel ihrer Emotionen, sind Aussagen ihrer momentanen Gefühle. Farben, Strukturen, Materialien sind es, die sie anregen und herausfordern“, heißt es auf ihrer Website. Ganz allein steht sie damit allerdings nicht in der Kunstwelt. Denn Angel Sarkela-Saur und Andrew Saur haben sich ebenfalls einer Form der Malerei verpflichtet, die ausschließlich mit Hilfe von Kaffee arbeitet - allerdings nicht mit dem Sud sondern der flüssigen Variante.

www.justcoffeeart.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)