Sturm über Österreich: Bis zu 165 km/h

(c) APA (Markus Leodolter)

Unwetter. Mehrere Menschen wurden schwer verletzt. Hohe Sachschäden in ganz Österreich. Zehntausende Haushalte ohne Strom. In Tirol entgleiste eine Gondel.

WIEN/GRAZ. Abgedeckte Häuser, entwurzelte Bäume, gekappte Stromleitungen, verwüstete Straßenzüge: Der Sturm, der Sonntag über Österreich blies, hinterließ von Tirol bis ins Burgenland eine Spur der Verwüstung. Wetterstationen meldeten Spitzengeschwindigkeiten von 80 bis 130 km/h, auf den Bergen gab es sogar Orkanböen von bis zu 165 km/h (Feuerkogel, Oberösterreich).

Ursache für den Sturm war ein starkes Luftdruckgefälle über Zentraleuropa, ausgelöst durch das Aufeinanderprallen einer kräftigen Hochdruckströmung aus dem Westen (Frankreich) und einem Tief im Osten, das von Polen und der Ukraine Richtung Westen zog. Über den österreichischen Alpen entwickelten sich so großflächig und über den ganzen Tag dauernde starke Luftströmungen. Verstärkt wurden sie durch die Kanalwirkung von Tälern oder Häuserzeilen. Erst in der Nacht auf Montag sollte sich die Situation wieder entspannen.

Zurückblieben hohe Sachschäden, erschöpfte Einsatzkräfte und mehrere Schwerverletzte. Zwei Mitarbeiter eines Fast Food-Lokals in Graz-Straßgang wurden bei ihrem Versuch, Mülltonnen zu sichern, von herabfallenden Dachteilen getroffen und mussten mit Kopfverletzungen ins Spital eingeliefert werden. Zwei Feuerwehrmänner im Bezirk Voitsberg wurden bei Aufräumarbeiten schwer verletzt.


„Häuser nicht verlassen!“

Seit den frühen Morgenstunden standen österreichweit Feuerwehren im Dauereinsatz. Allein bei der Grazer Berufsfeuerwehr gingen bis Sonntagmittag mehr als 300 Notrufe ein. Fast 200 Mann und die gesamte Fahrzeugflotte waren mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Mehrere Häuser wurden abgedeckt, Ziegel krachten auf Autos und Gehsteige, Plakatwände, Mistkübel, Straßenlaternen und Baustellenzäune wurden umgerissen.

Die steirische Landesregierung bat bereits am Vormittag in einer landesweiten offiziellen Orkanwarnung, die Häuser nicht zu verlassen, Fenster und Dachluken zu schließen und Autofahrten zu vermeiden.

Auf vielen Straßen gab es zu diesem Zeitpunkt ohnehin kein Durchkommen mehr. Umgestürzte Bäume hatten steiermarkweit Stromleitungen gekappt. Im obersteirischen Bezirk Judenburg geriet so ein drei Hektar großes Waldstück in Brand, in der gesamten Steiermark waren zeitweise 80.000 Haushalte ohne Strom. Von insgesamt 6000 Trafostationen wurden eintausend „Opfer“ der Wetterkapriolen.


Wien: U4 lahm gelegt

In Wien waren die Schäden am Sonntag vergleichsweise überschaubar. Zu einem Zwischenfall kam es allerdings entlang der U-Bahnlinie U4. Durch den Sturm wurden um ca. 13.45 Uhr Bretter und andere Teile aus einer Baustelle auf die Gleise geworfen, wodurch die U-Bahn zwischen den Stationen Meidlinger Hauptstraße und Hütteldorf lahmgelegt wurde. Es wurde ein Schienenersatzverkehr eingerichtet. Die Aufräumarbeiten gestalteten sich langwierig, da auch die Stromleitung der U-Bahn in Mitleidenschaft gezogen worden war. Um 15.30 Uhr fuhr die U-Bahn wieder.

Auch in anderen Bundesländern gab es großflächige Stromausfälle, von denen insgesamt mehr als 50.000 Haushalte betroffen waren. Allein im Raum Wiener Neustadt/Neunkirchen in Niederösterreich waren es fast 20.000 Haushalte; 1200 Feuerwehrleute waren landesweit im Einsatz. In Kärnten gab es Sonntagmittag in 12.000 Haushalten keinen Strom, im Burgenland waren es 15.000.

Im Straßenverkehr kam es in weiterer Folge zu Behinderungen. Auf der Südautobahn im Packabschnitt funktionierte in einigen Tunnels nur noch die Notbeleuchtung (es galt ein Tempolimit von 60 km/h), der Gleinalmtunnel (A9) in der Steiermark musste wegen zu schwacher Beleuchtung überhaupt zeitweilig gesperrt werden. Ebenfalls zeitweise wegen umgestürzter Bäume blockiert war die Südbahnstrecke zwischen Unzmarkt und Zeltweg (Steiermark).


Liftbetrieb eingestellt

Im Westen Österreichs waren unter anderem die Skigebiete Leidtragende der in den Bergregionen besonders starken Windböen. So entgleiste in St. Johann eine Gondel. Der Liftbetrieb wurde daraufhin eingestellt – wie beispielsweise auch in Kitzbühel, wo Sturmspitzen von 90 km/h gemessen wurden. Nicht alle Gäste im (windstillen) Tal zeigten Verständnis für die Sicherheitsmaßnahme.

Indes hatten auch die Gletscherbahnen im Stubaital, wo bis zu 130 km/h Windgeschwindigkeit gemessen wurden, ihren Betrieb eingestellt. Auch in Lienz gab es Spitzen von mehr als 100 km/h. Einen derartigen Sturm bei Nordföhn-Lage soll es laut Wetterdienst-Stellen in Lienz seit Beginn der Aufzeichnungen nicht gegeben haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2008)