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Wong Kar-Wai: Warum eigentlich Norah Jones?

(c) Polyfilm
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Ohne Sonnenbrille wird man ihn niemals sehen: der Regisseur Wong Kar-Wai erzählt, warum das so ist, wieso er ausgerechnet Norah Jones das Schauspielen zutraut und wieso Amerikaner immer essen müssen.

Wong Kar-Wai gilt als Meister des jungen Hongkong-Kinos, das er nachhaltig geprägt hat. Mit seiner Film-Ästhetik und dem experimentellen Stil avancierte er in den 90er-Jahren mit Streifen wie Fallen Angels oder Chungking Express zum Kultregisseur. Jetzt hat er seinen ersten amerikanischen Film gedreht.

Sängerin Norah Jones hatte keinerlei Schauspielerfahrung. Warum wollten Sie sie unbedingt für Ihren neuen Film haben?
Ehrlich gesagt, ist die Idee entstanden, mit ihr einen Film zu machen, bevor ich wusste, wie sie aussah. Ich saß in einem Taxi in Taipeh, und wir steckten im Abendverkehr fest. Da spielten sie „Come Away With Me“ im Radio. Dazu ging gerade die Sonne hinter den Wolkenkratzern unter. Das hat eine Stimmung erzeugt, die ich in einem Film umsetzen wollte. Und ich wollte Norah irgendwann einmal treffen.

Und woher wussten Sie, dass sie spielen kann?

Das wusste ich ja nicht. Deswegen wollte ich sie treffen. Da habe ich sofort gespürt, dass sie das kann. Ich habe sie dann gefragt: „So, möchtest du in einem Film spielen?“ Sie war ziemlich perplex, denn sie dachte, sie soll den Soundtrack schreiben. Ich habe ihr verboten, Schauspielunterricht zu nehmen. Ich wollte sie so natürlich wie möglich.

Norah Jones hat einen einzigen Song beigesteuert. Warum haben Sie die musikalischen Fähigkeiten
Ihrer Hauptdarstellerin nicht besser genutzt?


Zunächst wollten wir nicht über Musik reden, weil ich sie als Schauspielerin sehen wollte. Und wir fanden es beide blöd, sie im Film grundlos singen zu lassen. Als wir in Las Vegas drehten, ist sie mit einer Gitarre angereist. Ich meinte: „Wozu hast du das Riesending mitgebracht?“ Sie: „Ich bin Musikerin, ich brauche die zum Komponieren.“ Wir haben mitten in der Wüste in einem kleinen Hotel mit ganz dünnen Wänden gewohnt und ich habe nie einen Ton gehört. Am Ende der Dreharbeiten habe ich sie gefragt, ob sie was komponiert hätte. Ehrlich gesagt, habe ich mir da schon was erwartet. Aber sie meinte, sie würde noch nachdenken. Erst kurz vor Cannes hat sie mir ein Tape geschickt. Ich wollte den Song dann unbedingt für den Film, weil er ihn perfekt ergänzt.

„My Blueberry Nights“ ist Ihre erste US-Produk-
tion. Wie war das, fernab Ihrer Heimatstadt Hongkong zu drehen?

Es war nicht so fremd, wie ich dachte, denn alle Filmleute teilen die gleiche Leidenschaft. Die Sprache war eine andere, der Spirit aber derselbe. Der größte Unterschied ist wohl, dass bei Amerikanern Essen eine große Rolle spielt. Die brauchen alle pünktlich ihr Mittagessen, sonst gibt’s Probleme mit der Gewerkschaft. Beim Drehen hat mir immer irgendwer ins Ohr geflüstert: „Mittagspause!“ In der ersten Produktionswoche hab ich das ignoriert, wir haben wie verrückt gearbeitet. Nach einer Woche hatte sich eine Menge Bußgeld angesammelt. Dann kam der Produzent und sagte: „Sie müssen bitte rechtzeitig die Mittagspausen einhalten.“ In Hongkong drehe ich ja oft 14–20 Stunden am Stück, da muss man nicht unterbrechen, jeder findet irgendeine Möglichkeit, nebenher was zu essen, um nicht in Ohnmacht zu fallen.

Sie hatten ja auch erstmals so was wie ein Drehbuch ...

Stimmt. Das Ding hat jedenfalls die Produzenten beruhigt. Mir hilft das ja wenig, weil sich meine Filme beim Drehen immer weiterentwickeln.

Was haben Sie eigentlich gegen Drehbücher?

Ich kreiere keinen Charakter und verlange, dass ihn jemand spielt. Ich will, dass die Schauspieler die Rolle auf sich zuschneidern. Manchmal sage ich nur: „Das wäre jetzt dein Satz, aber was könnten wir sonst machen?“ Ich habe ja auch die Hilfe der anderen gebraucht, um daraus einen amerikanischen Film zu machen. Zum Beispiel bei der Kussszene, wo Norah mit ihrem Kopf am Tresen liegend eingeschlafen ist, noch etwas Schlagobers auf der Lippe hat und Jude Law sie küsst. Die chinesische Art wäre es, ihr die mit dem Finger erst sanft wegzuwischen und sie dann zu küssen. Aber ich war nicht sicher, ob die Amerikaner das auch so machen würden. Mein Kameramann sagte: „Vergiss es. Da liegt eine Frau, die ihm gefällt, also wird er sie verdammt nochmal gleich küssen. Wen kümmert das Schlagobers?“ Norah und die Frauen aus der Maske meinten, nein, zuerst muss das Schlagobers weg. Wir haben dann abgestimmt und es schlussendlich doch auf die chinesische Art gemacht.

In Ihren Filmen gibt es nie eindeutige Liebesszenen. Sind Ihnen die zu plump?

Ich habe kein Problem mit Liebesszenen. Die Frage ist nur, braucht man die wirklich? Meistens ist das nur ein Vorgang wie jeder andere. Ich sehe keinen großen Unterschied zu Liebesszenen und denen, wo jemand einen Hamburger isst. Wir kennen alle den Ablauf und wissen, wie es funktioniert. Es ist absolut vorhersehbar, was da passiert, und somit langweilig.

Vor einigen Jahren meinten Sie, zu viele Leute würden Wong-Kar-Wai-Filme drehen, deswegen würden Sie jetzt etwas anderes machen. Tun Sie das noch?

Nach Chungking Express haben viele Leute gedacht, dass dies eine sehr trendige Art wäre, Filme zu machen. Es gab eine Zeit, da galt ja alles, was mit einer Handkamera gedreht und mit viel Musik unterlegt war, als Wong-Kar-Wai-Film. Ich halte das nicht für ein Kompliment. Nach „In the Mood for Love“ und „2046“ meinten viele, ich mache nur Filme von Frauen in den 60er-Jahren in diesen chinesischen Kleidern, deswegen haben wir jetzt etwas anderes gemacht. Mein nächster Film wird möglicherweise ein Martial-Arts-Film. Mal sehen.

Nehmen Sie irgendwann auch Ihre Sonnenbrille ab?

Niemals. Ich habe sie bei meinem ersten Film aufgesetzt und seitdem nicht abgenommen. Ich habe erst gestern die perfekte Standard-Antwort auf diese Frage entwickelt. Die Sonnenbrille ist meine Trademark, so wie Charlie Chaplins Schnurrbart.