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Haynes Film "I'm not there" als gelungener Drogenersatz

(c) Tobis
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Todd Haynes im Gespräch über „I'm Not There“, seinen ungewöhnlich konzipierten Film zu Bob Dylan, über das veränderte Selbstbild der USA, und warum Dylan eher an Patti Smith als David Bowie erinnert.

Die Presse: Wann entdeckten Sie Bob Dylan?

Todd Haynes: In der Mittelschule begann ich, Dylan zu hören, das half mir sehr in meiner Entwicklung: Ich hatte dieses Gefühl, in die Welt hineinzuwachsen. Dann hörte ich ihn lange nicht, erst seit Ende der 90er bin ich wieder besessen von ihm: Da war ich verzweifelt, musste dringend mein Leben ändern. In solchen Phasen wenden sich Menschen oft Dylans Musik zu, da sie in der Masse an Arbeiten und Themen untertauchen können. Schier endlose Korridore voller Material! Manchmal schien mir, als wäre Dylan ununterbrochen am Produzieren.

 

Was hat Sie letztlich mehr fasziniert: der Künstler oder die Zeit, in der er gelebt hat?

Haynes: Meinen Dylan-Film I'm Not There entwarf ich während der Hochblüte der Bush-Ära, das war sehr surreal. Ich vergrub mich in Dylan und den Sixties. Die Welt, die ich da entdeckte, stand in vollkommenem Gegensatz zur Welt um mich. Beim Schreiben identifizierte ich mich am stärksten mit Dylans Ehefrau (die nun Charlotte Gainsbourg spielt). Wie sie war ich eingesperrt in meinem Haus und verfolgte einen Krieg im Fernsehen mit. Dabei verspürte ich intensive Gefühle: Wut, Hilflosigkeit, Schock, eine völlige Machtlosigkeit. Man wird zornig und weiß überhaupt nicht, wohin damit.

 

In den Sechzigern gab es aber – anders als heute – eine kulturelle und politische Rebellion. Werden Sie da nostalgisch?

Haynes: Sicher, aber es geht um mehr als Nostalgie, es geht auch um die politischen Gefühle. Die frühen Sechziger waren eine Zeit des Lernens, es gab es noch Hoffnungen, Glauben an Versprechungen – ein Gefühl, dass Fehler berichtigt werden können.

 

Und dahin können wir nicht mehr zurück?

Haynes: Nein, die Reinheit, mit der alles begann, ist dahin. Und die grundlegend amerikanische Idee einer pluralistischen Identität, dafür steht auch unsere Verfassung. Verschiedene Mächte konkurrieren miteinander, verschiedene Stimmen kämpfen gegeneinander: Es gibt keine Einzelmacht. Aber in den Sechzigern passierte etwas mit der Selbstwahrnehmung der USA nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Emotionen von Stolz, Rechtschaffenheit und eines weltumspannenden Sieges setzten sich durch.

 

Was hat Dylan mit der Vielstimmigkeit zu tun?

 

Haynes: Ich sah mir Dylans komplexe Texte an verschiedenen Stellen seines Lebens genau an. Es dauerte sehr lange, aber irgendwann erkannte ich, dass sich oft mehrere Erzählungen in ein einziges Lied schieben.

 

Sind Sie so zur Form Ihres Films gekommen?

Haynes: Das war keine freie Wahl, die dargestellte Person bestimmt den Stil. In meinem Glamrock-Film Velvet Goldmine wollte ich das Gefühl geben, man stürme durch Samt und Fell: Das brauchte Dekadenz, Opulenz, Exzess. I'm Not There hingegen musste ein amerikanischer Wandteppich aus verschiedenen Stimmungen und Sensibilitäten werden. Verschiedene Geschichten werden zur selben Geschichte, wenn sie in einer einzigen Form gehalten sind. Die Unterschiede in der Thematik lösen sich in der Frage auf: Was passiert wohl als Nächstes?

 

Wie reagierten die Studios auf Ihre unkonventionelle Idee zur Konzeption des Films?

Haynes: Die Geldgeber machten gewaltigen Druck, dieses Projekt wurde also schneller fertig als meine anderen. Mir war schon vorher klar, dass es schwierig würde: Es ist kein typischer Film im Amerika der Gegenwart.

 

Stimmt. Immerhin wird etwa eine Männerrolle von einer Frau gespielt.

Haynes: Cate Blanchett als Dylan zu besetzen war eine simple Methode, um ihn wirklich gestört wirken zu lassen. So war Dylan nur ein Jahr lang: Aussehen, Stimme, Haare, Gesten, diese Musik – das kam nie wieder. Wie merkwürdig musste das 1966 wirken, als die Beatles noch sangen? Die waren gut, aber keine geistesgestörten Irren! Dylan war Proto-Punk, der Anfang von Punkrock. In dieses Bild wollte ich noch Dylans bizarre Androgynität einfließen lassen, die weniger an David Bowie als an Patti Smith erinnert.

 

Blanchetts Dylan wirkt total zugedröhnt, aber man sieht ihn fast nie Drogen nehmen.

Haynes: Er wirft eine Pille ein, wenn man ihn das erste Mal sieht. So viele Bücher behaupten, dass Dylan in dieser oder jener Nacht Heroin oder Speed nahm. Mir ist das egal. Die Checkliste für schlechtes Benehmen ist Stoff klassischer Filmbiografien. Dylan-Manager Jeff Rosen wollte nur nicht, dass wir auf Dylans Drogenkonsum herumreiten. Ich entgegnete, dass Dylan in den Sechzigern gleichbedeutend mit Drogen war. Drogen lassen einen die Welt mit anderen Augen sehen: Dylans Songs haben dieselbe Kraft.

 

Soll Ihr Film wie eine Droge wirken?

Haynes: Ja, man soll glauben, man stünde unter Drogen, wenn man den Film sieht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)