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Todesmeldung aus Syrien per SMS

(c) REUTERS (REGIS DUVIGNAU)
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Frankreich will die systematische Anwerbung junger islamistischer Söldner unterbinden. Rund 25 junge Franzosen sind bisher im syrischen Bürgerkrieg getötet worden.

Paris. Erstmals hat Frankreich nun einen Algerier in seine Heimat abgeschoben, der im Verdacht steht, junge Leute für den Jihad in Syrien rekrutiert zu haben. Das ist Teil eines neuen Maßnahmenplans, mit dem die Pariser Staatsführung die Anwerbung von religiösen Söldnern bekämpfen will. Auch andere europäische Länder sind von diesem Phänomen betroffen – rund 12.000 Ausländer sind laut Marc Hecker vom Forschungsinstitut Ifri in Syrien im Einsatz. Andere Quellen sprechen von 20.000. Am 8. Mai ist dazu in Brüssel ein Treffen zur Koordination des Vorgehens geplant. Aufgrund seiner großen muslimischen Gemeinschaft kommen aus Frankreich besonders viele dieser internationalen Jihadisten. Das Pariser Außenministerium schätzt ihre Zahl auf 750, davon seien 116 Frauen und mindestens 30 noch minderjährig.

Rund 25 junge Franzosen sind bisher im syrischen Bürgerkrieg getötet worden. Regelmäßig berichten die französischen Medien darüber. Fast immer sind die Freunde und Angehörigen sehr erstaunt und manchmal schockiert. Denn viele dieser Jugendlichen haben sich in aller Heimlichkeit radikalisiert und für den Krieg der syrischen Jihadisten begeistert, ohne dass ihre Umgebung etwas ahnte. Manche waren gar nicht gläubig oder sind erst kurz zuvor zum Islam konvertiert. Für die Öffentlichkeit bleibt darum ihr Engagement, bei dem sie ihr Leben aufs Spiel setzen, ein beängstigendes Rätsel.

Als kürzlich vier französische Journalisten nach mehr als 300 Tagen Geiselhaft die Freiheit erlangten, berichteten sie unter anderem, dass sie in der Obhut von Französisch sprechenden Wächtern gewesen seien. Aus dem Akzent schlossen sie, dass es sich vermutlich um drei Franzosen und einen Belgier gehandelt habe. Das brachte die Pariser Regierung unter Handlungsdruck. Wenn französische Geiseln in Syrien in der Hand von französischen Helfershelfern des islamistischen Terrorismus sind, hat der Bürgerkrieg Frankreich erreicht.

 

Überwachung des Internets

Die Rekrutierung von Söldnern für den Jihad in Syrien, Afghanistan, Somalia oder der Sahelzone soll darum verschärft bekämpft werden. Staatspräsident François Hollande möchte, dass haarscharf zwischen religiöser Gesinnung und Terrorismus unterschieden wird: „Unser Plan dient nicht dazu, die Ausübung des Glaubens zu behindern.“ Die Ex-Krieger aus Syrien und vor allem jene, die sie angeworben hatten, müssen darum mit einer Strafverfolgung wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung mit terroristischer Zielsetzung rechnen. Der Plan setzt vor allem auf Prävention: Eine Stelle mit einer Notrufnummer wurde eingerichtet. Dort können Angehörige, Lehrer oder Freunde sich informieren oder eventuell intervenieren, wenn sie Jugendliche kennen, die aus Gesinnung oder Abenteuerlust rekrutiert werden könnten. Zudem wollen die Behörden mit der Überwachung einschlägiger Foren im Internet potenzielle Jihadisten und deren Kontaktleute ausfindig machen.

In Frankreich hatte vor wenigen Wochen ein Fall von zwei kaum 16-Jährigen Aufsehen erregt, die von den Angehörigen in letzter Minute an der türkisch-syrischen Grenzen erreicht und zur Heimkehr bewogen werden konnten. Derart gefährdeten Minderjährigen kann nun vorübergehend der Pass entzogen werden. Das ist im Sinne der Vereinigung, die die Französin Dominique Bons gegründet hat. Ihr Sohn Nicolas und dessen jüngerer Bruder Jean-Daniel sind in Syrien gestorben. Dass Nicolas getötet wurde, erfuhr sie per SMS. Sie unterstützt den Aktionsplan der Regierung, möchte aber, dass man sich bewusst bleibt, dass viele dieser Jugendlichen „eher selbst Opfer sind als Terroristen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2014)