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Migranten: Menschen ohne Geschichte

Migranten sind bislang kein Teil der Geschichtsschreibung in Österreich. Um das zu ändern, erschließen Innsbrucker Historiker neue Quellen.

Wer ein Schulbuch aufschlägt, findet bis heute kaum Geschichtsschreibung zu Migranten. „Auch in bestehenden Archiven gibt es wenig bis gar nichts zum Thema“, sagt der Zeithistoriker Dirk Rupnow von der Universität Innsbruck. Zwar gilt eine Auseinandersetzung mit der Geschichte für Migranten als Voraussetzung für eine gelungene Integration: „Ihre eigenen Erfahrungen und Erinnerungen kommen darin aber bislang nicht vor.“

Das will Rupnow in einem 2012 gestarteten, vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt ändern: Gemeinsam mit seinem sechsköpfigen Team will er die Basis für eine Geschichte schaffen, die Migranten als Teil der österreichischen Geschichte berücksichtigt. „Die Geschichte macht die Menschen sichtbar und gibt ihnen Raum in der öffentlichen Wahrnehmung. Der historische Blick hilft, komplexe Zusammenhänge und Entwicklungen zu verstehen.“

Den Fokus setzen die Forscher auf die Migration von Gastarbeitern aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei in den letzten 50 Jahren. Dabei ist der Bezug zur Gesamtgeschichte wichtig: „Österreich hat sich durch die Migration stark verändert, aber auch die Herkunftsländer.“


Schlechte Aufbewahrungsmoral. Die Arbeit der Wissenschaftler ist Grundlagenforschung, bei der es gilt, neue Quellen zu erschließen. Denn: Die Zeitgeschichteforschung setzte lange andere Schwerpunkte und überließ das Themenfeld vor allem den Sozialwissenschaften. „Es gibt kaum quellenmäßige Grundlagen. Der für die Arbeit von Historikern klassische Gang ins Archiv fehlt bisher weitgehend“, so Rupnow. Vieles wurde auch einfach nicht aufgehoben: „In Bezug auf Dokumente zur Geschichte der Migration gab es eine sehr schlechte Aufbewahrungsmoral.“ So hätten etwa Gewerkschaften in Österreich überhaupt kein Archiv. Auch für Firmen gäbe es keine Aufbewahrungspflicht, so der Forscher. Aus vorhandenen Beständen müssen relevante Informationen daher erst in aufwendiger Kleinarbeit herausgefiltert werden.


Blinden Fleck schließen. Die Forscher starteten ein systematisches Screening der österreichischen Archive, aber auch der Archive der Herkunftsländer. Eine Mitarbeiterin arbeitet in Ankara, ein Mitarbeiter in Belgrad. „Eine Geschichte der Migration ist nicht innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen erzählbar“, sagt Rupnow. Neben den staatlichen Stellen mit ihren verstreuten Beständen greifen die Forscher auch auf bislang kaum genutzte Quellen von Privatpersonen und Vereinen zurück. Wissen, das mit der österreichischen Geschichte verknüpft werden soll, um „den blinden Fleck zu schließen“. Bis 2015 sollen Ergebnisse vorliegen. Vorhandenes Material soll dann auch für weitere Forschung zur Verfügung stehen.

Archiv der Migration. „Um die Geschichte für Österreich neu schreiben zu können, sind auch Interviews mit Vertretern der sogenannten ersten Generation notwendig“, sagt Rupnow. Und: „Um die Geschichte zu bewahren und sichtbar zu machen, braucht es eine eigene Einrichtung.“ So reifte die Idee für ein Archiv der Migration, das mit Unterstützung der Stadt Wien entstehen soll. Die Herausforderung: „Es braucht viel Vertrauen, damit die Menschen sich mit ihren Geschichten öffnen. Gerade Migranten haben dieses Vertrauen in öffentliche Stellen oft verloren.“ Die Ausschreibung für die wissenschaftliche Aufbereitung soll demnächst starten.

In Kürze

Historiker beginnen ihre Arbeit üblicherweise im Archiv. Zur Migration von Gastarbeitern gibt es kaum nutzbare Quellen.

Aufwendige Recherchen stehen daher am Anfang der Arbeit von Innsbrucker Historikern auf dem Weg zu einer Geschichte der Migration.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2014)