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"Amazon denkt sich: 'Fuck the Germans' "

Gerrit Heinemann
Gerrit HeinemannKatharina Roßboth
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In drei Jahren werden Roboter ins Zentrallager des Konzerns einziehen, sagt Handelsexperte Gerrit Heinemann. Und erklärt, warum der Internetkauf bei Lebensmitteln ein Nischengeschäft bleiben wird.

Online drückt den stationären Handel immer mehr an die Wand. Wie können sich die Händler wehren?

Gerrit Heinemann: Die Händler könnten sehr viel machen, wenn man das Beispiel eBay nimmt, die derzeit in den USA den mittelständischen stationären Handel gegen Amazon organisieren. Dort erfolgt die Belieferung aus dem nächstgelegenen Einzelhandelsgeschäft, das in der Regel näher am Kunden liegt als das nächste Amazon-Lager. Dadurch entsteht ein enormer Zeitvorteil. Die Händler hier sind noch zu wenig kooperationswillig. Wenn es gelingt, „Same Day Delivery“ umzusetzen, gibt es für viele Kunden keinen Grund mehr, in die Stadt zu fahren.

Wie können Kunden dann überhaupt noch ins Geschäft gelockt werden?

Der stationäre Händler könnte sich damit profilieren, dass er den Kunden im Geschäft die Technik nutzen lässt. Oder einen zentralen Servicepunkt einführen. Heute wird es dem Kunden im stationären Handel oft sehr schwer gemacht, ein gekauftes Produkt umzutauschen. So wird das nicht funktionieren. Bei Amazon schicke ich die Ware zurück und habe das Geld wieder.

Gibt es Chancengleichheit zwischen online und stationär?

Der Händler in der Stadt muss fünf Jahre vor einer Veränderung der Geschäftsfläche einen Antrag stellen. Das ist sehr restriktiv und da sehe ich die Politik gefordert. Shoppingcenter hingegen werden professionell und zentral gemanagt. Innenstädte sollten nach dem gleichen Schema betrieben werden. Auch bei den Abgaben gäbe es einiges zu tun. Amazon hat Minimum 30 Prozent Marktanteil, es besteht aber keine Chancengleichheit. Steuergesetze und Kartellrecht müssen auch für Onlinehändler gelten.

Verschaffen die kritisierten Arbeitsbedingungen im Onlinehandel weitere Vorteile?

Die Bedingungen sind in den Zentrallagern anderer Händler ähnlich. Der Handel ist nicht unglücklich, dass sich die Gewerkschaften Amazon gegriffen haben. Die Diskussion in Deutschland um Logistik- und Einzelhandelstarife betrifft den kompletten Handel und nicht nur Amazon und Zalando. Ebenso bezahlen viele deutsche Traditionshändler auch keine Steuern, weil sie ihre Immobiliengesellschaften in Luxemburg oder den Niederlanden haben. Amazon ist ein dankbarer Gegner, den man in die Ecke stellen und sagen kann: Das ist der Buhmann.

Die Kunden könnten durch ihre Kaufentscheidungen doch einiges verändern.

Dem Kunden sind die Arbeitsbedingungen bei den Onlinegrößen genauso egal wie beim Kauf eines Apple-Gerätes, das in China oder Bangladesch produziert wird. Der Kunde hat eine tatsächliche Diskrepanz zwischen bekundetem und tatsächlichem Verhalten. Wenn es um den Preis geht, handelt der Kunde, ohne hinzuschauen. Der Kunde ist damit auch die Ursache für den enormen Preisdruck.

Und der Konkurrenzdruck wird steigen. Der Chinese Alibaba mit dem dreifachen Handelsvolumen von Amazon steht schon vor einem Markteintritt in Europa.

Heute ist das ein bisschen wie Star Wars. Da kommt plötzlich Rakuten aus Japan in Europa an. Nur wenige kennen ihn, trotz eines Handelsvolumens von über 30 Milliarden Euro. Jetzt kommt der Alibaba um die Ecke. Das Unternehmen ist hochprofessionell, hat 220 Milliarden Dollar Handelsvolumen alleine in China. Über Alibaba sagt deren Chef Jack Ma, es sei das Krokodil im Fluss, und wenn es dort genug zu fressen gibt, dann muss es nicht in den Ozean, wo die Haifische eBay und Amazon sind. Jetzt hat es den Fluss leergefressen und schwimmt in den Ozean.

Wird Amazon dann als Marktführer abgelöst?

Amazon wird keinen Schritt zurück machen. Im Gegenteil, das Unternehmen wird das Spiel noch extremer und konsequenter spielen. Wenn in deutschen Amazon-Lagern gestreikt wird, dann sagt sich Jeff Bezos: jetzt erst recht. Erste Roboter, wie Amazon bestätigt hat, wurden bereits in den USA installiert und bringen eine Effizienzsteigerung von bis zu 30 Prozent. Und Roboter streiken nicht. Die Einführung in Deutschland scheint in den nächsten drei Jahren möglich zu sein. Und die Zentrallager werden vermutlich nach Polen verlagert. Amazon denkt sich vielleicht: „Fuck the Germans“.

Wird der Onlineboom die Innenstädte verändern?

Die Vermieter der Geschäftsflächen wollen die Entwicklung nicht sehen. Sie haben auch keinen Leidensdruck. Die Miete ist noch stabil, solange der Mietvertrag läuft. Den Händlern werden längst fällige Mietreduzierungen verweigert. Es gibt ja schließlich auch andere zahlungskräftige Mieter wie Spielhöllen, Wettbüros oder Beate Uhse, sodass dann mit Zeitverzug eine ganze Straße kippt. Da sollte die Kommunalpolitik aktiv werden. Bei einer Vermietung an Spielhöllen und ähnliche Gebilde würde ich als Stadt nicht zuschauen.

Wie hoch werden die Einbußen der stationären Händler sein?

In Europa verzeichnet der stationäre Handel mittlerweile auch nominal bereits ein leichtes Umsatzminus. Die Online-Umsätze der Non-Food-Branchen explodieren hingegen und werden bis 2020 nochmals mindestens 15 Prozent, eher 20 Prozent, ins Internet abschmelzen. Die Händler bekommen damit aufgrund der Fixkosten unweigerlich ein Kostenproblem. Sie müssen sich vom Gedanken verabschieden, dass der Umsatz auf Biegen und Brechen auf der Fläche des stationären Handels gemacht wird. Der Kunde möchte auch zu Hause einkaufen können, wenn er sich im Laden nicht entscheiden kann.

Warum gelten für den Lebensmittelhandel andere Regeln?

Bei Lebensmitteln wird noch auf den Preis geschaut. Bei einem durchschnittlichen Einkaufsbetrag von zehn Euro und einer geringen Handelsspanne kann es betriebswirtschaftlich keine Hausbelieferung geben. Der Kunde wird auch 100 Euro Mindesteinkaufsbetrag und eine Versandgebühr von fünf bis zehn Euro nicht akzeptieren. Nur für kleine Nischen wie für Menschen mit wenig Zeit wird es funktionieren.

Wie viel darf eine Hauszustellung überhaupt kosten?

Es gibt Kalkulationen in der Logistikbranche, wonach eine Hauszustellung maximal fünf Euro kosten darf. Wird es teurer, rechnet sich das Geschäft nicht mehr. Fünf Euro kann man nur einhalten, wenn es ratzfatz geht. Sobald man Getränkekisten oder Hundefuttersäcke acht Stockwerke hochschleppen muss, einen Disput mit dem Kunden hat, weil ein Artikel nicht lieferbar ist, ein Produkt abgelaufen oder ein anderes falsch geliefert worden ist, rechnen sich fünf Euro nicht mehr. Es ist schon ein Problem, wenn es bei der Zustellung Stau gibt oder mehrere Ampeln rot sind.

Aber im Online-Modehandel werden angeblich bis zu 50 Prozent zurückgeschickt – und trotzdem scheint es ein Geschäft zu sein.

Die kolportierten hohen Rücklaufzahlen von bis zu 50 Prozent stimmen so grundsätzlich nicht. Bei elektronischen Geräten oder Büchern etwa gibt es relativ wenig Retouren. Die vielen Rücksendungen finden praktisch nur bei Damenoberbekleidung statt, bei Herren nicht. Der Mann zieht an und sagt „passt“, egal ob zu groß oder zu klein. Das Problem bei Damenbekleidung ist allerdings hausgemacht. Schuld daran sind die Produzenten, die mit falschen Größentabellen arbeiten und der Kundin suggerieren wollen: „Du hast eine kleinere Größe und du bist schlank.“ Händler wie Deichmann Schuhe, die auch selbst produzieren, haben kaum Retouren, weil dort die Schuhgröße stimmt.

Steckbrief

Gerrit Heinemann
(Jahrgang 1960) erlernte das Geschäft des Einzelhandels bei den Konzernen Douglas und Kaufhof von der Pike auf. Danach war er Geschäftsführer beim Jagdausrüster Kettner. Seit 2005 unterrichtet Heinemann an der Hochschule Niederrhein. Dort beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit E-Commerce und Onlinehandel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2014)