"Psychopathen häufiger in Führungspositionen vertreten"

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Sie sind sehr gut im Lügen und können gut mit Stress umgehen, sagt der Psychologe Jens Hoffmann. Anlegen sollte man sich mit ihnen nicht.

Neueren Untersuchungen zufolge seien Menschen mit einer narzisstischen oder psychopathischen Persönlichkeit etwa drei- bis viermal häufiger in Machtpositionen vertreten als im Bevölkerungsdurchschnitt, sagt der Psychologe Jens Hoffmann im  Interview mit "Zeit Online". In diesen Aufgabenbereichen können Psychopathen ihr Dominanzbedürfnis natürlich gut ausleben. Man gehe davon aus, dass je höher die Ebene, desto höher auch der Anteil der Menschen mit auffälligen Persönlichkeiten ist.

Nach Aussage von Hoffmann sind Narzissten extrem ich-bezogen. Sie erzählen gerne und viel von sich – immer nur sehr positiv. Sie halten sich für grandios. Sie seien charmant, können andere oft mitreißen. Auf der anderen Seite seien sie extrem kränkbar, so der Psychologe weiter. Psychopathen hingegen seien kalt, aber sie können anderen Gefühle vorspielen. Sie seien sehr gut im Lügen. Das ist oft der Grund für ihren Erfolg. Sie hätten eine hohe Begeisterungsfähigkeit und seien stark im Aufbau von Netzwerken. Besonders intelligente Psychopathen machen oft Karriere. Sie können andere extrem gut manipulieren.

Psychopathen sind nicht steuerbar

Solche starke, angstfreie Persönlichkeiten haben in der Vergangenheit oftmals eine Gruppe angeführt und sind auch für die Weiterentwicklung oder das Überleben einer Gruppe wichtig. Doch daraus zu schließen, dass psychopatische Chefs gut seien, davor warnt Hoffmann. Denn sie seien nicht steuerbar, was Unternehmen ruinieren kann. Gerade von der zahlengesteuerten Banken- und Versicherungsbranche und vom Vertrieb werden solche Persönlichkeiten angezogen. Hier geht es um sehr viel Geld, Status und Macht - aber der einzelne Entscheider kann viel zerstören. Oft zeige sich bei Beratungen, dass manchmal gerade die besten Trader psychopathische Merkmale aufweisen.

Dass seit dem Wertwandel der Finanzkrise mehr empathische Chefs gefragt seien, kann Hoffmann nicht bestätigen. Er sieht mehr psychopathische Menschen in den Spitzenpositionen der Unternehmen, was er mit den ausgeprägten Soft Skills dieser Gruppe in Verbindung bringt. Diese seien gefühlskalt und angstfrei und könnten mit unpopulären Entscheidungen sehr gut umgehen. Und dann spielt hier das Vorspiegeln von Gefühlen, was diese Pertsonengruppe auch gut beherrscht, eine Rolle.

Krtiker werden fertiggemacht

Zu erkennen, dass der Chef ein Psychopath sei, hält Psychologe Hoffmann für schwierig. Wer Kritik am psychopathischen Vorgesetzten übt, wird fertiggemacht, denn Positionierung gegen einen Psychopathen bedeutet für diesen einen Angriff. Der psychopathische Chef reagiert darauf häufig mit manipulativen und rufschädigenden Methoden hinter den Kulissen. Die Entscheidungsträger auf Leitungsebene werden in der Regel manipuliert und merken das nicht. Sie denken sogar meist, sie hätten eine emotionale Beziehung mit diesen Managern.

Hoffmann erzählt von einem Fall, bei dem ein Geschäftsführer einen Betrüger beschäftigt hatte, der ein Psychopath war. Am Ende sagte er: "Ich habe einen Freund verraten. Und ich habe Todesangst." Das zeigt, wie stark eine solche Manipulation wirkt - der Mann dachte noch monatelang, der Betrüger wäre sein Freund gewesen.

Für den Umgang mit Psycho-Chefs rät Hoffmann, diesen gegenüber lieber keine Schwäche zu zeigen, da solche Chefs daran eine Freunde haben, besonders sensible Mitarbeiter fertigzumachen. Man sollte klare Grenzen ziehen und sich Verbündete suchen, etwa beim Betriebsrat oder in der Personalabteilung. Dafür ist aber enorm wichtig, dass man das Verhalten dieses Chefs dokumentiert und auch belegen kann. "Anlegen würde ich mich mit einem Psychopathen nicht", so Hoffmann.

>> Artikel in "Zeit Online"