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Architektur? Da kann man was erleben!

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Architekturtage 2008: Offene Ateliers, Führungen, Workshops für Kinder in ganz Österreich: am 16. und 17. Mai.

Wenn die Tage wieder so richtig lang werden, dann sind die Architekturtage nicht mehr weit. Alle zwei Jahre jedenfalls. Seit 2002 werden sie biennal ausgetragen, gemeinsam organisiert von Architektenkammer und Architekturstiftung Österreich samt den unter ihrem Dach vereinigten Architekturzentren und -häusern. Und heuer ist es der 16. und 17. Mai, an dem Bauvisiten aller Art, Grätzelspaziergänge, Filmpräsentationen, offene Architektenateliers nicht nur Architektur und Architekten aller neun Bundesländer, sondern auch in Liechtenstein, der Ostschweiz und in Pressburg präsentieren. Motto: „Architektur erleben“.

„Menschen, die sich vielleicht nur peripher für Architektur interessieren, sollen am Abend des 17.Mai sagen: Wow, da steckt wirklich was drin. Die zeitgenössische Architektur kann auch mein Leben bereichern. Und: Die Besucher sollen das Gefühl bekommen, sie können mitreden, wenn sie sich engagieren, im öffentlichen Raum, aber auch im privaten Bereich“, erläutert Christian Kühn, Vorsitzender der Architekturstiftung Österreich.


Architektur: Ein Sieben-Tage-Phänomen

Genau dieses Sprechen über Architektur, die positive Auseinandersetzung damit fällt vielen schwer oder findet erst einmal gar nicht statt. Das habe „mit dem Sieben-Tage-Phänomen zu tun“, meint Kühn: „Die Kunstwelt, die ist sozusagen für den Sonntag; Architektur dagegen ist die ganze Woche. Man ist Tag für Tag von Architektur umgeben, und wenn sie gut gemacht ist, dann fällt einem das sehr oft nicht auf. Die Menschen sind sensibler dafür, wenn's zieht, wenn's nicht funktioniert, aber die positiven Aspekte am Gebauten, die werden oft als selbstverständlich aufgefasst.“ Und Georg Pendl, Präsident der Architektenkammer, ergänzt: „Die Architekturtage sollen Architektur stärker bewusst machen: Warum fühle ich mich wohl, warum wird etwas akzeptiert, etwas anderes nicht?“

Und wie sprachmächtig sind die Architekten selbst? Eine entsprechende Artikulationsfähigkeit und -bereitschaft sei einfach Berufsvoraussetzung, da sind sich Kühn und Pendl einig. Und Kühn weiß aus eigener Erfahrung als Lehrender an der TU Wien: „Alle Wissenschaftler an einer Uni treten heute in Wettbewerbe, wo sie in fünf Minuten ihr Forschungsthema erklären müssen. Und das ist eine sehr schöne gesellschaftliche Entwicklung, dass sich das Expertentum nicht mehr auf eine fest gemauerte Bastion zurückziehen kann, sondern dass man gefordert ist, auch einem größeren Kreis von Menschen zu erklären, was man tut. Das bringt die Architekten vielleicht mehr unter Druck als andere, aber alle sind unter Druck in dieser Beziehung.“

Neben den schon aus den Vorjahren bekannten Schwerpunkten des Architekturtage-Angebots fällt heuer die prononcierte Hinwendung zu einer bis jetzt noch einschlägig unterversorgten Bevölkerungsgruppe auf: den Kindern. Walter Stelzhammer, Vorsitzender der Bundessektion Architekten der Architektenkammer: „Das halte ich für außerordentlich wichtig, da geht es um einen Kernpunkt der Öffentlichkeitsarbeit unseres Berufsstandes. Wenn Sie, sagen wir, nach Vicenza fahren und sich ein Palladio-Theater anschauen, da sind jede Stunde zwei Schulklassen drinnen, Kinder mit sechs, sieben Jahren, und zwar mit Freude, man hat nicht das Gefühl, dass die da durchgeprügelt werden.“ In Österreich dagegen sei Architektur in der Schule so gut wie kein Thema, aber gerade dort liege, so Stelzhammer, „die Wurzel des Architekturverständnisses und damit auch der Baukultur“.


Architekturvermittlung für Politiker?

Ob es angesichts der aktuellsten Wiener Architekturblamage, dem von Vizebürgermeisterin Grete Laska abgesegneten neuen Entree des Wiener Wurstelpraters, nicht angezeigt wäre, Architekturvermittlungsprogramme gezielt für politische Entscheidungsträger anzubieten? Christian Kühn: „Es ist durchaus auch Intention der Architekturtage, politische Entscheidungsträger fortzubilden.“ Manche allerdings seien leider vollkommen „beratungsresistent“: „Das sind ganz dicke Bretter, die man da bohren muss.“

1000 Programmpunkte, 300 offene Ateliers, 600 präsentierte Bauwerke: Das sind die Rohdaten der heurigen Architekturtage. Das Budget von 410.000 Euro wird zum Großteil von Architektenkammer (180.000 Euro) und Sponsoren (150.000 Euro) bestritten, keine 20 Prozent, 80.000 Euro, kommen aus diversen öffentlichen Händen – was die Architekturtage auch in dieser Hinsicht bundesweit zu einer ziemlich außergewöhnlichen Kulturveranstaltung macht. Walter Stelzhammer: „Diese Zahlen zeigen unsere Eigenständigkeit im Zusammenspiel mit unseren Auftraggebern, die hier als Sponsoren einspringen. Es ist eine Erfolgsgeschichte, die sich in diesen Zahlen spiegelt. Und es ist eine Botschaft an die öffentliche Hand: Es kann ja mehr werden. Dann machen wir halt 1500 Programmpunkte.“

Die persönlichen Architekturtage-Tipps der Verantwortlichen? Christian Kühn: „Auf nach Pressburg! Wenn man die Hoffnung hat, dass das Twin-City-Konzept in 10, 15 oder 20 Jahren vielleicht Wirklichkeit wird, dann sollte man sich jetzt schon dort umschauen.“ Georg Pendl: „Das gestrandete Schiff am Inn in Innsbruck, die Arbeit einer Architekturstudentengruppe – ein tolles Holzding.“ Und Walter Stelzhammer: „Ich sage etwas Eigennütziges. Es gibt ja jetzt die große Diskussion um die Baukosten im Wohnungsbau. Kommen Sie zu meinen Wohnhäusern in Wien-Atzgersdorf, dort ist kein Gramm Fett, trotzdem sind sie seit 2000 mit hoher Zufriedenheit bewohnt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2008)