Ein Gentleman-Sänger mit rostiger Stimme

TONY BENNETT
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Tony Bennett, letzter Botschafter der verflossenen Swing-Ära, schmetterte und schmachtete sich in der Londoner Royal Festival Hall durch das Great American Songbook. Am 16. September gastiert er in Wien.

Ein Mann sollte immer passend zum Nachthimmel gekleidet sein, war sich Frank Sinatra zeit seines Lebens sicher. Tony Bennett hält sich heute noch an die modischen Vorgaben seines alten Idols. Im dunkelgrauen Einreiher mit rotem Stecktuch tänzelte er, vor einem Monat 88 Jahre alt geworden, in der Royal Festival Hall vor seine treuen Fans. Zärtlich krächzend sang er den Scheinwerfern zu, als spendeten sie das für Romantiker so essenzielle Mondlicht.

Entertainer sind bekanntermaßen nachtaktive Wesen. Und sie nehmen manche Zumutung des Lebens tapfer an. In der Geborgenheit seines schmusig aufspielenden Quartetts erzählte Bennett von den Stürmen eines langen Lebens. „It's the good life to be free and explore the unknown, like the heart-
aches when you learn you must face them alone.“ Er hat „The Good Life“ schon 1962, einige Jahre vor Sinatra, aufgenommen. Der hat sich für so manche Anregung mit viel Lob für Bennett revanchiert, der da jetzt lässig am Klavier lehnte.

 

Album mit Lady Gaga

Seinen alten Lehrmeister hat er an Lebensjahren längst überholt. „The Good Life“ widmete er Lady Gaga. „I just recorded a whole album with her. I say this, because she needs the money!“, scherzte er. „Cheek to Cheek“ wird dieses Opus heißen und feinste Swing-Wirkware auslegen. Auf der bereits bekannten Single „Anything Goes“ singt Lady Gaga jedenfalls mit ähnlicher Schärfe wie einst Peggy Lee. Jüngst hat sie Bennett bei einem New Yorker Konzert unterstützt. Nach London war sie leider nicht gekommen. Aber das machte nichts. Bennett stemmte die Sache mit viel Verve. Nach einer illustren Vergangenheit als singender Kellner und Saloon-Entertainer, der auf Zuruf singt, hat er sich mit Zähigkeit nach oben gesungen. Jetzt, da die Stimme schon ein wenig rostig ist, fliegen ihm die Herzen in besonders großer Zahl zu. Was ist schon flexible Intonation, wenn die Aura fehlt?

Wirksame Ausstrahlung hat Bennett erst ab seinem 65. Lebensjahr entwickelt. Davor hat er jahrzehntelang brav das Great American Songbook in der zweiten Liga heruntergeleiert. Viel zu lange war er ein Rat-Pack-Klon, dem es an Persönlichkeit mangelte. Aber manchmal bringt Alter eben auch Gutes mit sich. Bennett sorgt heute mit seinen angegriffenen Stimmbändern verlässlich für Momente der Magie. An diesem schönen Abend tat er dies etwa mit seiner emotionstrunkenen Lesart von „The Shadow of Your Smile“ und mit Charlie Chaplins Rührstück „Smile“.

Bennett hat in seiner langen Karriere große Erfolge gehabt, aber das Publikum liebt ihn auch wegen seiner Abstürze und noch mehr wegen seiner Beharrungskraft, die die Amerikaner so schön „stamina“ nennen. Er hat sich gegen seine Süchte aufgebäumt und überlebt. Anders als seine Duettpartnerin Amy Winehouse, mit der er 2011 das berührende „Body And Soul“ aufgenommen hat und an die Spitze der US-Charts kam. Diesen Herzausreißer ließ er an diesem Abend aus. Dafür bezirzte er mit dem bittersüßen „Boulevard of Broken Dreams“, einer Ballade, die auch Winehouse auf ihrer letzten Südamerikatournee (man kann es auch auf YouTube nachhören) sehr beseelt gesungen hat.

Bennett ist ein Überlebenskünstler. Folgerichtig prostete er dem Publikum beim zart swingenden „One More for the Road“ mit dem Wasserglas zu. Und er ist der letzte Botschafter einer Generation, die großen Wert auf Stil gelegt hat. Der Dresscode Black Tie galt gerade auch, wenn gesoffen wurde. Wichtiger als die Lackschuhe und die Seitenstreifen des Beinkleids waren einst die Accessoires. Im Nachtleben bildeten Krawattennadeln, Manschettenknöpfe und Geldklammern eine Art lakonischen Subtext.

 

Die rechte Portion Pathos

An diesem Abend genügte Bennett leicht verständliche Ironie, etwa wenn er zu „The Best Is Yet to Come“ ein kleines Tänzchen wagte. Erwartungsgemäß sang er seinen größten Hit „I Left My Heart in San Francisco“ besonders innig. Seine Musiker reüssierten da mit einer pointierten Reduktion des Originalarrangements. Und Bennett mimte hier mit in Falten gelegter Stirn die Ewigkeit der Strapaze, wiewohl er im wirklichen Leben ein Alter mit Lust an Selbsterneuerung ist. Das rauschende Finale folgte mit dem Louis-Armstrong-Hit „When You're Smiling“ und Sinatras „Fly Me to the Moon“. Zu den Schlussakkorden schmetterte er seine Linien gar ohne Mikrofon. Genussvoll und mit der rechten Portion Pathos ausgestattet, hauchte er „in other words I love you“ ins schon erhellte Auditorium. Standing Ovations!

Tony Bennett live in Wien: am 16. September in der Wiener Stadthalle F.