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Schottland: Banken drohen mit Abzug

File photo of a worker walking in the foyer of a Royal Bank of Scotland office in the City of London
Royal Bank of Scotland(c) REUTERS (LUKE MACGREGOR)
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Royal Bank of Scotland und Lloyds Bank wollen ihren Sitz nach London verlegen, sollten sich die Schotten abspalten. Auch BP und Shell warnen vor Schottlands Alleingang.

Edinburgh/London. Nach dem Großaufgebot der britischen Politiker lässt nun auch die Wirtschaft große Geschütze auffahren, um die Schotten bei der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit am kommenden Donnerstag doch noch zu einem Verbleib in der Union zu überzeugen. Mit der Royal Bank of Scotland (RBS) und der Lloyds Banking Group kündigten gestern, Donnerstag, zwei der größten Arbeitgeber des Landes an, bei einer Unabhängigkeit Schottlands ihren Hauptsitz nach England verlegen zu wollen. Das britische Schatzkanzleramt sprach von einem „verständlichen“ Schritt, die schottischen Nationalisten hingegen von „Angstmacherei“ und der „bewussten Veröffentlichung von marktrelevanten Unternehmensinterna“.

Kein Zufall dürfte sein, dass beide Banken seit der Finanzkrise 2008/2009 unter maßgeblichem Einfluss des Staates stehen. Die 1727 gegründete RBS wurde damals mit 65 Mrd. Pfund (heute 82 Mrd. Euro) und einer Notverstaatlichung vor der Pleite gerettet. Der Staat hält immer noch 80 Prozent an der RBS. Die Lloyds Banking Group entstand aus dem von der britischen Regierung erzwungenen Zusammenschluss mit der schottischen HBOS, die 2008 ebenfalls vor dem Ruin stand. In der Gruppe konnte der Staat seinen Anteil auf mittlerweile 20 Prozent reduzieren.

 

Währungsunion mit London

Die RBS sprach von einer „Vorsichtsmaßnahme wegen der möglichen Auswirkungen eines Ja-Votums“. Eine Risikoanalyse habe ergeben, dass im Fall der Unabhängigkeit „eine Verlagerung des Firmenhauptsitzes notwendig sein“ werde. Lloyds begründete seine Pläne mit „dem Ausmaß der potenziellen Unsicherheit“. Die RBS beschäftigt in Schottland 11.500 Menschen, Lloyds mehr als 16.000.

Die Aktienkurse beider Institute legten nach der Ankündigung stark zu: Die RBS gewann im frühen Handel 1,7 Prozent, Lloyds ein Prozent. Eine Verlagerung des Hauptsitzes würde bedeuten, dass beide Banken in den Zuständigkeitsbereich der Bank of England als „Lender of Last Resort“ fallen und Einleger weiter den Schutz der Notenbank genießen würden. Der schottische Bankensektor hat Assets in der zwölffachen Höhe des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Ein unabhängiges Schottland hat keine Pläne zur Gründung einer eigenen Notenbank, sondern strebt eine Währungsunion mit London an.

Der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, trat diesen Plänen in den vergangenen Tagen vehement entgegen. „Unabhängigkeit und Währungsunion sind unvereinbar.“ Vor dem Unterhaus in London warnte er am Mittwoch, ein unabhängiges Schottland werde „gewaltige Mengen an Bargeld“ ansammeln müssen.

Auch andere gewichtige Stimmen aus der Wirtschaft rieten den Schotten von einem Alleingang ab. Die Kaufhauskette John Lewis warnte, höhere Preise in Schottland würden nach einer Abspaltung „wahrscheinlich“. Der Versicherungskonzern Standard Life kündigte ebenfalls einen Abzug der Zentrale nach England an, um „unseren Kunden die von ihnen gewünschte Stabilität zu gewährleisten“. Die Ölkonzerne BP und Shell sprachen sich ebenfalls für einen Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich als „Garant für eine prosperierende Zukunft“ aus.

Während Beobachter das konzertierte Einschreiten der Wirtschaft als „schwarzen Tag für die Nationalisten“ (so etwa der „Independent“) bezeichneten, erhielten die Anhänger der Union auch durch eine neue Umfrage Aufwind. Demnach liegt das Lager der Unabhängigkeitsgegner mit 53 Prozent gegenüber 47 Prozent Befürwortern wieder relativ solide in Führung.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2014)