Schnellauswahl

Experte: „Der Milch-Boykott ist nur ein Strohfeuer“

(c) AP (Michael Probst)

Kaum Auswirkungen in Österreich – zu viele Molkereien schwächen Verhandlungs-Position der Bauern.

Wien (red./ag). Der Milch-Boykott, zu dem verschiedene Milchbauernverbände in einigen europäischen Staaten, darunter Deutschland und Österreich, aufgerufen haben, zeigt auch am vierten Tag noch keine gravierenden Auswirkungen. Lediglich in Süddeutschland, wo der Boykott am besten funktioniert und die Milchliefermenge der Bauern an die Molkereien um bis zu 60 Prozent zurück gegangen ist, sprechen Molkereien von ersten Mangelerscheinungen.

In Österreich, wo die IG Milch (gegen den erklärten Willen der Landwirtschaftskammer und des Bauernbundes) zum „Milchstreik“ aufruft, ist von einem Lieferboykott fast nichts zu bemerken. Die IG Milch hat am Freitag verkündet, sie wolle erreichen, dass nur noch 50 Prozent der bisherigen Milchmenge an die Molkereien geliefert wird. Bisher ist die Anliefermenge freilich kaum gesunken.

Mit dem Milch-Boykott wollen die Milchbauern in einigen europäischen Ländern gegen die ihrer Meinung nach zu niedrigen Milchpreise protestieren. Die liegen in Deutschland derzeit freilich um gut zehn Cent unter den österreichischen. In Österreich ist der Milchpreis im Vorjahr kräftig auf knapp 40 Cent je Kilogramm gestiegen. Die IG Milch, die diese 40 Cent bis vor kurzem als fairen Preis bezeichnet hatte, verlangt nun 50 Cent. Der „Rebellen-Organisation“ gehören 6000 der insgesamt 45.000 heimischen Milchbauern an.

Ein deutscher Unternehmensexperte hat unterdessen den Milch-Boykott als „Strohfeuer“ bezeichnet, das bald erlöschen werde. Die Bauern hätten keine Rücklagen, die es ihnen erlauben würden, längere Zeit auf die Milch-Einnahmen zu verzichten, sagte Klaus-Peter Gushurst von der Unternehmensberatung Booz Allen.


Konzentrationsprozess nötig

Die Verhandlungsposition der Milchproduzenten könne nur gestärkt werden, wenn es zu einem starken Konzentrationsprozess bei den genossenschaftlichen Molkereien komme. Nur so sei es möglich, die Verhandlungsposition gegenüber dem Handel zu stärken.

In Deutschland werden 70 Prozent der Milch in genossenschaftlichen Molkereien (die praktisch den Milchbauern selbst gehören) verarbeitet. In Österreich sind es sogar 80 Prozent. Es gebe aber zu viele Einzelmolkereien, was unter anderem auch dazu führe, dass Deutschland zwar nach wie vor größter Milchexporteur Europas sei, aber „keinerlei Führungsfunktion“ in der Milchindustrie inne habe. Gushurst meint, die Bauern sollten nicht streiken, sondern „ihre Eigentümerfunktion“ in den Molkereien wahrnehmen und die Konsolidierung voran treiben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2008)