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Analyse: Wie der Islamische Staat (IS) funktioniert

(c) REUTERS (ALAA AL-MARJANI)
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Der IS ist längst keine reine Terrormiliz mehr, sondern dazu übergegangen, in den eroberten Gebieten Quasi-Regierungsstrukturen aufzubauen. Man braucht Rückhalt in der Bevölkerung – und deren Steuern, um Waffen zu kaufen.

Sie sind berüchtigt für ihre Brutalität. Ihre Enthauptungen, Kreuzigungen und Massenerschießungen lösen weltweit Entsetzen aus: Der Islamische Staat (IS) ist eine Terrorgruppe, die brandschatzend und mordend durch Syrien und den Irak zieht. Aber inzwischen ist sie mehr als das. Sie geht dazu über, ihr Territorium so zu organisieren wie die von ihr gehassten westlichen Staaten: mit einem Regierungschef (Kalif), einer Art Kabinett, Gouverneuren, Bürgermeistern.

Laut Einschätzung des renommierten US-Instituts Terrorism Research and Analysis Consortium ist der IS zu einer regelrechten Regierungsmacht in den eroberten Gebieten geworden, und zwar – obwohl das Territorium als geeintes Kalifat angesehen wird – mit teils separaten Strukturen im Irak und in Syrien.

Die Extremisten bemühen sich dabei, ein System aufzubauen, das die Bevölkerung mit dem Nötigsten versorgt, etwa Benzin und Lebensmitteln. Die Jihadisten bezahlen Gehälter, liefern Wasser, Strom und Gas, regeln den Verkehr, unterhalten Schulen, Universitäten, Moscheen, Banken und Bäckereien. Es sind diese geordneten Strukturen, die den IS von den meisten anderen, nur lose organisierten aufständischen Gruppen unterscheiden – und die seine Stärke ausmachen. Das Konstrukt, das sich abzuzeichnen beginnt, entbehrt dabei freilich nicht nur jeglicher Demokratie, sondern dient vor allem einer effizienten Umsetzung der Brutalität. Zum erweiterten Kreis der Führungspersönlichkeiten des IS gehört dabei sogar ein eigener Beauftragter für Hinrichtungen.

Der Kalif: Oberster Chef des IS ist Abu Bakr al-Baghdadi, der sich im Juni selbst als „Ibrahim“ zum Kalifen aller Muslime ausrief. Er kämpfte früher im Irak gegen die US-Truppen und wurde von ihnen 2005 sogar festgenommen, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt. 2011 setzte das US-Außenministerium auf ihn ein Kopfgeld in Höhe von zehn Millionen Dollar aus.

Die Regierung: Die Exekutive bilden al-Baghdadi, seine engsten Berater und seine beiden Stellvertreter, Abu Ali al-Anbari and Abu Muslim al-Turkmani. Letztere waren hohe Offiziere in der Armee des irakischen Diktators Saddam Hussein. In al-Baghdadis Kabinett finden sich Minister für Finanzen, Sicherheit und Organisation – und ein eigener Beauftragter für ausländische Kämpfer und den Transport von Selbstmordattentätern an ihre Tatorte. Al-Turkmani, angeblich der Einzige, dessen Rat der Kalif wirklich annimmt, soll dem Kriegsbüro vorstehen, in dem strategische Fragen entschieden werden. Al-Anbari, der andere Stellvertreter des Kalifen, leitet wiederum den Rat für Verteidigung, Sicherheit und Geheimdienst, der unter anderem für den Schutz von al-Baghdadi verantwortlich ist.

Der Schura-Rat: Dieses einflussreiche Gremium achtet auf Einhaltung der Bestimmungen der Scharia. Es fungiert als eine Art Religionsbarometer und soll sicherstellen, dass die religiösen Regeln der selbst ernannten Gotteskrieger auf allen Ebenen eingehalten werden. Die Entscheidung über die Ermordungen dreier westlicher Geiseln, der US-Journalisten James Foley und Steven Sotloff sowie von David Haines, britischer Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, dürfte von diesem Rat gefällt worden sein.

Theoretisch könnte der Schura-Rat sogar den „Kalifen“ absetzen. Aber alle Mitglieder wurden von al-Baghdadi selbst ernannt. Einige Mitglieder des Schura-Rats sollen an den Anschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 beteiligt gewesen sein.

Neben der Hauptstruktur der IS-Führung soll es noch eine Exekutivabteilung geben, die sich parallel um die Belange des täglichen Lebens im Kalifat kümmert. Dies legen Informationen nahe, die auf einem USB-Stick im Haus von al-Baghdadis im Juli getöteten Militärchef gefunden worden waren.

Pragmatische Extremisten

Der IS hat sich in Syrien jedenfalls geschickter verhalten als die meisten anderen Rebellengruppen. Die Eroberung und das Halten von Dörfern oder Städten war der Miliz nie genug. Sie baute mithilfe der Bevölkerung neue zivile Strukturen auf. Dabei können die Extremisten durchaus pragmatisch sein. Am Staudamm von Raqqa, der Stadt und Umgebung mit Elektrizität versorgt, haben die Jihadisten etwa die Arbeiter behalten. Auch alle anderen Beamten, die geblieben sind, konnten weiterarbeiten. Voraussetzung war, dass sie dem IS die Treue schworen. Für den IS bedeutet ein normaler Alltag in Kriegszeiten viel. Immerhin müssen die Einwohner Steuern zahlen wie in einem weltlichen Staat. Und der IS braucht schließlich Millionen, um seine Kämpfer, Waffen und auch einige soziale Projekte zu bezahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2014)