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Alpin aufgeputschtes Politdrama

Wilhelm Tell
(c) Theater Graz - Werner Kmetitsch

Oper Graz. Ihre letzte Spielzeit eröffnete Intendantin Elisabeth Sobotka mit Rossinis „Wilhelm Tell“. Das exzellente Ensemble reüssierte mit der heiklen Aufgabe.

Als Eröffnungspremiere ihrer letzten Saison an der Grazer Oper setzte die nunmehr designierte Intendantin der Bregenzer Festspiele, Elisabeth Sobotka, Rossinis letzte Oper, den 1829 für Paris komponierten „Wilhelm Tell“ an, mit dem (freilich in Gestalt von Schillers Schauspiel) 1899 das Opernhaus in Graz eröffnet worden war. Dieses so risikoreiche wie mutige Setzen auf die lokalpatriotische Karte (bis heute ist in unseren Breiten ausschließlich die Ouvertüre dieser Oper wirklich bekannt!) geriet zu einem vollen Erfolg.

Zunächst überzeugten die klugen und überlegten Kürzungen, die das monumentale, hier französisch gesungene Drama auf genau drei Stunden (inklusive Pause) reduzierten, ein wohltuend konsumentenfreundlicher Akt, fern aller bornierten „Originalfassung“-Krämpfe.

Aus dem Orchestergraben tönte den ganzen Abend hindurch spielfreudiges, geschmeidiges, klangschönes, geistesgegenwärtiges und kultiviertes Musizieren, da hat Antonino Fogliani hervorragende, solide und vor allem stilkundige Probenarbeit geleistet. Die Holzbläser agierten in Höchstform (Englischhorn-Solo!), und auch von den tiefen Streichern ließen sich wunderbar klangsatte Bögen vernehmen. Auf solch verlässlichem Fundament konnte auch der hauseigene Chor seine Trümpfe unverkrampft ausspielen und gefiel sogar in seinen tänzerischen Einlagen.

Doch stand der gesamte Abend ganz im Zeichen des völlig zu Recht frenetisch bejubelten Sängerensembles, das, obwohl insgesamt homogen und kompakt, seinen herausragenden Meister im jungen koreanischen Tenor Yosep Kang (Arnold Melchtal) fand, dessen souverän höhensichere, von lyrischer Emphase genauso wie von schier müheloser viriler Attacke getragene Stimme den Tell-Apfel dieser Produktion in stupender Weise abschoss!

Sein geliebtes Gegenüber, die Habsburger-Prinzessin Mathilde, fand in der russischen Sopranistin Olesya Golovneva eine makellos intonierende, nobel phrasierende und mit weiblichem Timbre durchwärmte Darstellerin, während James Rutherford als helvetischer Protagonist mit seinem farbenreich-weiten Bariton tief empfundene, manchmal etwas hausbackene Heimatliebe ebenso überzeugend zu vermitteln wusste wie den Stachel aggressiv politischer Aufruhr; in einer Nebenrolle brillierte Tatjana Miyus (Jemmy), und einmal mehr ergriff der betörend schöne Mezzo von Dshamilja Kaiser (Hedwig).

 

Erotische Erregung – aus der Distanz

Regisseur Stephen Lawless nähert sich den alpin-aufgeputschten politischen und erotischen Erregungen mit britischer Distanz und trifft, obwohl sich einige Längen des Werkes dadurch trotzdem nicht ausmerzen lassen, genau jenen Punkt, auf den Rossini hin komponiert hat, nämlich die Spannung zwischen erhabenem Naturidyll (auch bei Gewitter!) und heroisch-politischer Emphase. Seine Regie punktet durch genaueste Personenführung, den dem jeweiligen Charakter der Musik exakt kongruierenden Einsatz von Drehbühne und Bühnenbild (Frank Philipp Schlößmann) und ein überaus selten gewordenes Maß an respektvoll-reflektierter historischer Sensibilität.

So gelingt ihm ein nachvollziehbarer Spannungsbogen einer Handlung, die beim besten Willen nicht mehr „aktuell“ genannt werden kann. Wir haben wirklich ganz andere Sorgen. Dass dennoch mit dieser veritablen Repertoire-Rarität ein geglückter, in mancher Hinsicht exemplarischer Opernabend zustande kam, mag zu denken geben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2014)