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Erwin Wurm: Ikonen unter sich

(c) Hermes
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Nicht zum ersten Mal kollaboriert Erwin Wurm mit der Mode. Nun hat er lebende Skulpturen für Hermès gestaltet. In sein Gesamtwerk fügen sie sich überraschend nahtlos ein.

Kunst und Kommerz? Werbung? Niemals! Der Aufschrei der Kunstszene aus den strengen Früh-Neunzigern des 20. Jahrhunderts hallt bis heute in unseren Ohren. Bis vor kurzem noch stieß ein derartiges Ansinnen unter Künstlern auf breiteste Ablehnung. Getreu dem 110-jährigen Secessionsmotto „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“ galt es, jedwede Einmischung von „außen“ abzuwehren. Zwar kooperierten damals schon fast alle namhaften Künstler, von Kolo Moser bis hin zu Kokoschka und Schiele, mit der „Wiener Werkstätte“. Doch im Mäntelchen der Geschichte fallen Urteile weniger hart aus – wie auch bei der Pop-Art, die den Ikonen der Konsumgüterindustrie ebenso schamlos Denkmäler setzte wie Hollywoodgrößen.

Kunst & Kram. Doch die Zeiten haben sich geändert undmit ihnen die Künstler. In den späten Neunzigern war die Schweizerin Sylvie Fleury eine der ersten, die ihren von Gucci, Chanel & Co. geprägten Lifestyle zum zentralen Kunstthema machte, Covers von Hochglanz-Magazinen abfotografierte und aus High Heels, It-Bags, Schlankheitsmittelchen und Kosmetikkram Installationen baute. Reine Ironie? Im Fall Fleurys ist das bis heute nicht klar. Ganz sicher aber war es ein Erfolgsrezept und schulebildend überdies. Und der Kunstmarkt dankte es ihr – mit Rekordpreisen und mit Starkünstlern, etwa Takashi Murakami, Vanessa Beecroft, Olafur Eliasson und Richard Prince, die den Kontakt mit der Haute Couture nicht scheuten.

Ein Österreicher, der mit seiner Kunst schon lang ziemlich nah, aber stets punktgenau am Luxus vorbeischrammt, ist Erwin Wurm, 1954 geborener Steirer auf internationalem Höhenflug. Von Anfang an stand bei ihm die Skulptur im Mittelpunkt. Im Lauf von drei Jahrzehnten lotete er deren Grenzen in alle Richtungen aus. Experimentierte Wurm anfangs mit zerbeulten Gießkannen und anderem Blechwerk, wandte er sich als nächstes dem Podest zu, entledigte es seiner Trägerfunktion und erhob es selbst zur Skulptur, indem er die Dinger in alte Pullover wickelte. 1990 schließlich produzierte er Skulpturen aus Staub – ein Nihilismus, dessen logische Folge entmaterialisierte Skulpturen waren, die nur mehr in der Zeit stattfanden, etwa indem Models 60 Sekunden lang in einer Pose verharrten, wovon am Ende einzig Skizzen, Videos oder Fotografien Zeugnis ablegten („One-Minute-Sculptures“). Dass die Werbung auf ihn aufmerksam wurde, war nur eine Frage der Zeit. 1997 fragte Palmers an. Wurms künstlerische Antwort – eine Frau im Ganzkörper-Strumpf – war dem Auftraggeber allerdings dann doch zu radikal. Dafür hat das Bild am Ende Museumsweihen erhalten.

Luxusskulpturen. Zuletzt ist das französische Traditions-Luxuslabel Hermès an ihn herangetreten und hat ihn um eine künstlerische Interpretation der „Monde Hermès“ gebeten. Das Ikonenhafte der Marke mit ihrem Bestehen auf extrem hohe Verarbeitungsqualität, Design und edle Stoffe und dazu das Flair des Traditionellen stellte für Wurm, der immer wieder mit Ikonen, Hype und Branding gearbeitet hat, eine Herausforderung dar. Das als Material vorzufinden, sei für ihn spannend gewesen. So entstand eine Foto-Serie, die so unterschiedliche Typen wie den Richter, den Baptisten, den Magnaten, aber auch den Psychoanalytiker, Anarchisten, Kommunisten zeigt – alle in statuarischer Position. „Living Sculptures“, sozusagen.

Was für Erwin Wurm feststeht, wenn er sich auf derlei Aktionen einlässt, ist, dass die Arbeit ins Werk passt. Berührungsängste? „Anders als vor 15, 20 Jahren kommt es heute immer wieder vor, dass Kunst und Mode zusammenarbeiten“, hat er einmal gesagt. Seine Ironie und seinen Humor einzubringen, ist ihm dabei ganz wichtig. Und das Ikonenhafte. Das hat sich getroffen – sind doch seine Arbeiten selbst am besten Weg, zu Ikonen der Zeit zu werden.