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Der diskrete Mollwellenreiter

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Der österreichische Cellist Lukas Lauermann zieht mit seinem sensiblen, melancholischen Spiel die heimische Popwelt in seinen Bann. Auch international reüssierte der wandlungsfähige Musiker.

Als Kind in Stockerau war er schweigsam und schaute immer ernst. Der Vater war Pädagoge und Komponist moderner klassischer Musik, die Mutter kümmerte sich um ihn und seinen Bruder. Der heute 29-jährige Lukas Lauermann lernte mit sechs Jahren Klavier spielen, sein Bruder ebenso. Allerdings erstellt dieser heute Finanzanalysen. Das mit der Musik war auch für den heute so erfolgreichen Cellisten Lukas Lauermann nicht von Anbeginn eine ausgemachte Sache. Sein lebhaftes Interesse galt zunächst dem Puppentheater. Erst im Maturaalter entschied er sich anders. Ein Jahr lang übte er wie besessen Cello, um die Aufnahmsprüfung an der Wiener Musikhochschule zu bestehen. Sein Selbstvertrauen hatte davor am Bildungssystem Schaden genommen. „Ich war immer sehr verwundert darüber, dass in den Musikschulen von der Grundeinstellung her die österreichische Musik nichts wert wahr.“

Heile-Welt-Stimmung regiert eigentlich nur in der volkstümlichen Sparte heimischen Musikausdrucks. Dort wird mit minimaler Musikalität ein Maximum an Gewinn erwirtschaftet. Selbst in der Klassik ist die Euphorie enden wollend. Gelingt es einem jungen Instrumentalisten nicht, in ein großes Orchester zu kommen, muss der Traum vom Musikerdasein früh ad acta gelegt werden. „Es ist verantwortungslos, wie da ausgebildet wird. Obwohl man weiß, dass es für bestimmte Berufswege nur ganz wenig Möglichkeiten gibt, werden Massen darauf vorbereitet“, sagt Lauermann, der selbst auch als Lehrer tätig ist und selbstverständlich die Fehler seiner Professoren nicht wiederholen will.

Eine Laufbahn in der ungeregelten Welt der Popmusik fantasieren sich überhaupt nur die Wagemutigsten zurecht. Lauermann tat es zunächst nicht. „Es sind ja nur Ausnahmen, denen es gelingt, international zu reüssieren. Insofern hat man als Österreicher nicht die besten Karten“, bestätigt er den nicht auszurottenden Minderwertigkeitskomplex. Da helfen auch die leuchtenden Gegenbeispiele von Falco bis Opus, von Supermax bis Kruder/Dorfmeister nichts. Trotz bester Ausbildungsmöglichkeiten und wenigstens teilweiser staatlicher Unterstützung wähnen sich junge Musiker, was die Aufmerksamkeit angeht, unterversorgt. „Österreichische Musik wird von den großen Stationen in Radio und Fernsehen immer noch als Abschaltgrund interpretiert“, klagt Lauermann, der sich in zäher Kleinarbeit an die Spitze des heimischen Pop vorgepirscht hat.


Aus Versehen in einer Rockband. Zudem komponiert er Theatermusik, spielt bei Performances von namhaften bildenden Künstlern wie dem Kollektiv Gelatin und zeitweilig auch in Jazzformationen wie Alp Bora. „Ich denke schon gern groß, und es taugt mir, wenn viele Leute da sind. Aber manches Projekt braucht das überhaupt nicht. Da ist es dann schon gut, wenn fünf Leute interessiert zuhören.“

Diese unbedingte, nie auf Effekt abzielende Besinnung auf die Kunst macht Lauermann zu einem idealen Mitstreiter in unterschiedlichsten Formationen. „Lukas hat seine ganz eigene Ästhetik, ist aber gleichzeitig unglaublich wandlungsfähig“, schwärmt die Sängerin Mimu Merz. „Wie jeder Cellist trägt er sein Instrument ständig mit sich herum. Es steht in Kaffeehäusern verlässlich in seiner Nähe. Fast so, als wäre es ein kleiner Mensch.“ Lauermanns unverwandt melancholischer Ton zieht ganz unterschiedliche Kollegen in seinen Bann. Sensible Popprinzessinnen wie Soap&Skin und Marlies Jagsch genauso wie den erratischen Nino aus Wien. Auf das Feld der Popmusik lockte ihn aber eine Rockband. „Mein erstes Engagement war bei A Life, A Song, A Cigarette. Damals kam ich gerade als Student nach Wien. Die Idee, in einer Band zu spielen, hat mich immer fasziniert. In ,Puls TV‘ haben A Life, A Song, A Cigarette ein Interview gegeben. Da ließen sie fallen, dass sie gern ein Cello dabei hätten. Daraufhin habe ich mich gemeldet. Später habe ich erfahren, dass sie das eigentlich nicht ganz ernst gemeint hatten. Ich bin dann doch irgendwie hineingerutscht.“

„Es ist ein Traum, mit ihm zu spielen“, sagt Nino Mandl, der als schrulliger Nino aus Wien gerade Deutschland zu faszinieren beginnt. „Lukas ist so ernsthaft und hat so viel Gefühl.“ Auch Richard Eigner vom Elektronik-Outfit Ritornell lobt Lauermanns Sensibilität. „Kürzlich bei Aufnahmen zum dritten Ritornell-Album habe ich ihn zu einer Pianoimprovisation mit relativ komplexen Harmonien spielen lassen, und er hat beim ersten Take eine unfassbar stimmige Celloperformance hingelegt– ohne dass er das Stück vorher gehört hat. Die Tonmeister meinten: ,Das klingt ja wie komponiert.‘“

So ein Cello ließe sich durchaus auch in Dur spielen, aber das liegt ihm nicht. Lauermanns Trademark-Sound ist melancholisch, zuweilen sogar düster. „Es stimmt schon, das Cello führt meist zu schwereren Klängen. Das passt vom Charakter her gut zu mir. Wenn man Musik macht, blickt man sich schon um in der Welt, und da ist die große Fröhlichkeit nicht angesagt.“ Dieser erfrischende Mangel an Leichtigkeit kommt auch international gut an. Der wüste Sänger Mark Langegan hat Lauermans Cello genauso in seine Dienste genommen wie die amerikanische Performancekünstlerin Bree Zucker. Ihr Zyklus „Songs for Snowden“ war von zarten, aber gefährlichen Etüden Lauermanns untermalt. Ist der Whistleblower ein Held? „Das ist er. Es war wichtig, dass jemand diese Aufdeckung geleistet hat. Snowden hat uns eine Dimension eröffnet, die uns eigentlich überfordert.“ Europas Haltung, Snowden prinzipiell gut zu finden, ihn aber bei seiner Asylsuche nicht zu unterstützen, findet Lauermann rätselhaft. Er sieht die Ursache in einer neuen, durch Social Media verstärkten Oberflächlichkeit. „Es ist irrsinnig leicht geworden, sich für eine Sache einzusetzen, ohne dass man wirklich etwas tut. Man muss nur ein Foto liken und schon gilt man als toleranter Mensch.“


Autogramme in Taipeh. Ist Social Media dennoch etwas, das für heutige Musiker wichtig ist? „Für mich war Facebook extrem hilfreich. Man kann dort Sachen präsentieren, ohne dass man einen Radiosender oder eine Zeitung braucht. Zudem kann man sich mit anderen Musikern verknüpfen. Das habe ich ausgiebig gemacht.“

Das Miteinander ist Lauermann wichtiger als egogetriebenes Glänzen durch Virtuosität. Diese hält er für veraltet. „Dieses Höher, Schneller, Weiter war nie etwas für mich. Einfach, weil es musikalisch nicht zwingend wertvoll ist.“ Lieber feilt er weiter an seinem eigentümlichen Ton, den er schon in viele Länder hinausgetragen hat. So auch nach Singapur und Taipeh. „Wir hatten in der National Concert Hall 1400 Besucher, obwohl wir praktisch unbekannt waren. Und dann haben wir stundenlang Autogramme auf die Programmhefte gekritzelt. Diese Art von Leidenschaft gibt es in Österreich nicht.“

Steckbrief

Lukas Lauermannwurde 1985 geboren. Er lernte zunächst Klavier, dann Cello.

Er unterrichtet an der Musikschule Prinzersdorf, begleitet künstlerische Performances, komponiert Theatermusik und spielte Jazz mit Alp Bora.

Seit 2006 Mitwirkung sowohl live wie im Studio in Bands wie A Life, A Song, A Cigarette, Marilies Jagsch, Alex Miksch, Der Nino aus Wien, Soap&Skin, Mimu Merz, Ritornell u. v. m.

Sein erstes Soloalbum ist in Vorbereitung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2014)