Die Welt bis gestern: Randfigur der Weltgeschichte

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HEINRICH LAMMASCH. Der letzte Ministerpräsident beim Zusammenbruch 1918.

Nur drei Tage lang war er Ministerpräsident des westlichen, des kleineren Teiles der Donaumonarchie: der Staatsrechtslehrer Heinrich Lammasch. Am 27. Oktober 1918 von Kaiser Karl in verzweifelter Panik ins Amt berufen, musste der Universitätsprofessor schon am 30. Oktober – nach dem Abfall der nicht deutschsprachigen Gebiete – die Geschäfte an den neuen deutschösterreichischen Staatsrat übergeben. Am 11.November, als „Karl, der Letzte“ auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften verzichtete, ist er formell des Amtes enthoben worden.

Lammasch hat sich in aussichtsloser Lage geopfert. Aber dem damals 65-jährigen Ordinarius für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Wiener Universität war es eine Art Berufspflicht, dem hilflosen Habsburger-Kaiser im Zusammenbruch des ganzen Kartenhauses beizustehen. Er hatte das Unheil vorausgesehen, jetzt musste er als Liquidator dieses stolzen Reiches fungieren.

 

Friedensappelle ohne Echo

Im Herrenhaus hatte Lammasch schon um die Jahrhundertwende vor der Katastrophe gewarnt: Ihn empörte die Benachteiligung vieler Nationalitäten in der Doppelmonarchie. Seit dem „Ausgleich“ mit Ungarn wurden die Slowaken und Rumänen im Königreich der Stephanskrone wie Untermenschen behandelt. Lammasch bereitete für den Thronfolger Franz Ferdinand Reformen vor, die dieser sofort nach dem Tod des greisen Franz Joseph hätte umsetzen können. Vom Charakter des Erzherzogs und künftigen Regenten war Lammasch freilich nicht sonderlich angetan: „Es muss alles bums-bums gehen...“

Aber das Schicksal hatte sowieso anderes im Sinn. Das Unheil nahm 1914 seinen Lauf, Lammasch hatte verloren. Sein ganzes bisheriges Streben – sinnlos. War er nicht jahrelang Präsident des Internationalen Schiedsgerichtshofs der Friedenskonferenz von Den Haag gewesen? Hatte er nicht 1905 die Fäden gezogen, damit Bertha von Suttner den Friedensnobelpreis bekam?

 

Franz Josephs unverzeihlicher Fehler

Von Franz Joseph konnte Lammasch bei Kriegsausbruch nicht mehr enttäuscht werden – dazu kannte er den alten Mann zu gut. Vor allem dessen starres Festhalten am Bündnis mit dem militaristischen Deutschen Reich. Dieter Köberl (wie Lammasch, Julius Raab oder Alois Mock ein Zögling von Seitenstetten) nennt das Morden zwischen 1914 und 1918 den „widerlichsten, sinnlosesten und am leichtfertigsten ausgelösten Krieg, die Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts, ohne den dieses Jahrhundert nicht zu begreifen oder zu verstehen ist“.

Köberl: „Österreich hat diesen Krieg nicht nur erlitten, sondern leider auch erklärt. Es ist kaum zu verstehen, dass sich die Aufarbeitung der Vergangenheit fast ausschließlich auf die späteren Jahrzehnte konzentriert, wo doch so manche Barbarei bereits viel früher begonnen hat.“ Lammasch war machtlos. Er konnte nur laut und deutlich warnen vor jeglicher Verletzung des Kriegsrechtes, auch durch die k.u.k. Armee, die sich absolut nicht immer fein benahm. Als der Katholik Lammasch 1917 in einer Rede auch die Kriegsunterstützung durch die Kirche anprangerte, war ihm ein Sturm der Entrüstung sicher – auch in den Zeitungen, von der liberalen „Neuen Freien Presse“ bis zur christlich-sozialen „Reichspost“.

Erst im allerletzten Moment, als nichts mehr zu retten war, nahm Kaiser Karl Zuflucht bei der einzigen Autorität, die ihm noch verblieben war: Lammasch. Dem blieb eigentlich nur noch die Redaktion der kaiserlichen Verzichtserklärung. So ging am 30.Oktober 1918 die Monarchie wenigstens halbwegs in Würde zu Ende.

1919 nahm Lammasch als Sachverständiger für Deutschösterreich an den Friedensverhandlungen in Saint-Germain-en-Laye teil. Das erschreckende Diktat als Ergebnis dieser „Verhandlungen“ war wohl eine bittere Enttäuschung. Aber er zeigte den Österreichern einen Weg, den sie erst Jahrzehnte später als den richtigen erkannten.

Er nannte das, was vom großen Reich übrig blieb (und nicht einmal alle Deutschen umschloss, siehe Böhmen, Mähren, Südtirol und Kanaltal), „norische“ oder „ostalpine Republik“. Und er trat als Völkerrechtler für eine immerwährende Neutralität dieses kleinen Landes ein, als neutraler Pufferstaat in der Mitte Europas: „Zum Wohle Österreichs selbst und der Erhaltung des europäischen Friedens.“ Zweifellos war er mit dieser Idee der erste Österreicher.

Und er entwarf bereits den Gedanken eines Völkerbundes. Zwei Ideen also, die noch lange bis zur Verwirklichung brauchten. Eine Gedenktafel, die heuer am Gymnasium von Seitenstetten angebracht wurde, kündet von einem Mann, der ein hervorragendes Beispiel von Zivilcourage, mündigem Christentum, Verantwortungsbewusstsein und Humanität gegeben hat.



„Ich glaube nicht an den ewigen Frieden, ich glaube aber, alles daransetzen zu müssen, ihn herbeizuführen.“

Heinrich Lammasch

Ernst Lothar erinnert sich in seinen Memoiren – nach der Rückkehr aus dem US-Exil – an eine Begegnung im Ersten Weltkrieg: „Heinrich Lammasch – Mitglied der Haager Friedenskonferenz, eine Weltgestalt, von der Welt mit Respekt genannt – unvergleichlicher Besuch. Wann immer seither Persönliches das Sachliche bei mir zu verdrängen droht, beschwor ich die Erinnerung an den alten tadellosen österreichischen Herrn.“

 

Unwürdiges Begräbnis

Im Jänner 1920 wurde Heinrich Lammasch in Bad Ischl begraben. Stefan Zweig berichtete seinem Freund, dem französischen Humanisten und Nobelpreisträger Romain Rolland: „Nie im Leben habe ich eine solche Beerdigung gesehen, so ärmlich, so traurig, wir waren fünf Personen am Grab eines ehemaligen Ministerpräsidenten eines Dreißig-Millionen-Landes, des großen und berühmten Gelehrten. [...] Mir bleibt für immer ein Ekel vor jeglicher Politik.“


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So sollte Deutschösterreich 1918 aussehen.