Galerien in Wien: Schlupfloch für geheime Obsessionen

Die Galerie Knoll zeigt bösen Künstlerspott über bürgerliches Interieur.

Die Ausstellung nennt sich zwar „Living Rooms“, die gezeigten Zimmer präsentieren sich aber gähnend leer und unbelebt. Wie aus dem Nichts fallen plötzlich Objekte von oben in die Wohnung herab, so als hätte sie ein Riese fallen gelassen. In Slow Motion regnet es Einrichtung. Beim Aufprall am Boden zerfetzt es Stühle, Lampen, ein Aquarium und – besonders eindrucksvoll – sogar einen ganzen Einbauschrank samt Inhalt.

Unweigerlich gerät man ins Grübeln, wie die Künstler Paul Horn und Harald Hund diese verrückte Aktion wohl bewerkstelligt haben. „Dropping Furniture“ (4000€) ist als Zwei-Kanal-Videoinstallation konzipiert, was eine leichte perspektivische Verschiebung bewirkt. Durch den fehlenden Ton wirkt das Zerschmettern der Objektwelt fast noch monumentaler. Ein Foto auf der Homepage der Galerie Knoll, das in luftiger Höhe aufgehängtes Mobiliar zeigt, verrät den Trick hinter dieser „Destruction Art“.

Weniger destruktiv, aber zutiefst spöttisch gegenüber bürgerlichen Interieurs geht es auch in der restlichen Schau weiter. Auf runden Leinwänden malt Paul Horn Katzenköpfe in knalligen Farben. Gegenüber hängt ein trashiger Frauenakt. Die Kombination von Schmusekätzchen und Pin Up lässt an die Bad Paintings des deutschen Malers Martin Eder denken, wiewohl Horn eine weniger kitschige als poppige Bildsprache verfolgt. Seine groteske, dicke „Frau in der Dusche“ glotzt den Betrachter unverhohlen an (4100 €) und lässt den schlechten Geschmack hochleben.


Geheimgang und „Kapelle“

Noch mehr Üppigkeit hält der Geheimgang bereit, den der 1966 geborene Künstler in der Galerie eröffnet hat. Der Betrachter muss zwei dunkle Abstellkammern und einen superschmalen Lichthof (nach oben schauen!) durchqueren, um in Horns „Kapelle“ zu gelangen. Aber ist das überhaupt ein sakraler Ort? Zumindest die gotischen Versatzstücke legen diese Assoziation nahe; die aufgehängten Nacktfotos vollschlanker Modelle lassen mehr an ein Schlupfloch für geheime Obsessionen denken. Vorbei am mysteriös beleuchteten Foto eines Friedhofs geht es wieder nach draußen. Sinneslust und Memento mori, angesiedelt zwischen Merzbau und Gregor Schneiders „Haus Ur“ – ein bisschen dick aufgetragen, aber amüsant.

Harald Hund fotografiert indes „Living Rooms“ von außen. Keine Ikonen der Moderne hält der Künstler fest, sondern gewöhnliche funktionalistische Bauten, allerdings in steiler Perspektive. Die Lust auf mehrere Medien führt Hund aber auch zu Collagen und Basteleien. Seine Miniskulpturen „Modernism for the poor“ gleichen dem Nachbau von Verkehrsunfällen en miniature, wieder andere eher dekonstruktivistischen Architekturmodellen. Der auf der schrägen Hütte thronende Wellensittich lässt sie jedoch als äußerst progressives Vogelhäuschen erscheinen.

Bis 12.11., Gumpendorfer Str.18, Wien 6. Di–Fr: 14–19h, Sa: 11–15h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2008)