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Künftiger Burgtheater-Chef: Preise, Politiker und das Ensemble

Matthias Hartmann
(c) APA (Roland Schlager)

Ab Herbst 2009 leitet Matthias Hartmann die Geschicke an der Burg. Der Nachfolger von Klaus Bachler über Wien, seine musikalische Prägung und die Zukunft des Theaters.

Im Herbst 2009 wird Matthias Hartmann, derzeit noch Chef des Schauspielhauses Zürich, Direktor des Wiener Burgtheaters. Der Nachfolger von Klaus Bachler, der heuer bereits seine Intendanz an der Bayerischen Staatsoper angetreten hat, im Gespäch im Schauspielhaus Schiffbau in Zürich, wo er seine vorletzte Inszenierung erarbeitet.

APA: Wie oft sind Sie in Wien?

Hartmann: Oft, sehr oft. Ich habe schon einen Vielfliegerstatus.

Klaus Bachler ist ja derzeit in München wohl mehr gefordert als in Wien. Haben Sie sozusagen sturmfreie Bude?

Hartmann: Sagen wir so: Ich hoffe, dass alles so bleibt, denn bisher sind mir keine Steine in den Weg gelegt worden. Bachler hat mal erzählt, dass er selber große Probleme hatte, das Burgtheater zu entern, das will er mir nicht antun.

Haben Sie mittlerweile ein gewisses Gespür für die Stadt bekommen?

Hartmann: Die Stadt ist kein Neuland, ich war ja schon zu Peymanns Zeiten für mehrere Inszenierungen da. Es gibt in Wien ja fundamentale Unterschiede zu dem, was ich in Zürich erlebt habe: Für die Züricher ist das Theater "nice to have" und war interessanterweise immer ein Schleudersitz für die Direktoren. Bis auf ganz wenige und mich sind alle gegangen worden. Das spricht Bände. In Wien ist das anders, das Theater steht eindrücklich und ehrfurchtsgebietend im Zentrum. Und dem Haus wird - auch vom Publikum - eine gewisse soziale Kompetenz zugedacht.

Inwiefern werden Sie das erfüllen?

Hartmann: Angesichts der Tatsache, dass sich die Welt gerade stark verändert, wird dieses Theater neu befragt werden müssen. (...) Früher hatte ich die Idee, dass das Theater eine Plattform zur Selbstverwirklichung meines Kunstwerks ist. (...) Heute sehe ich das Theater aber in einem noch größeren Zusammenhang. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Welt jetzt gerade noch einmal so verändert wie 1968. Damals haben wir gelernt, was böse ist und was gut. Und heute kollabiert gerade mal das ganze Glaubenssystem. Die Finanzkrise bedeutet eine unmittelbare Hochkonjunktur für die Kunst. Das Theater kriegt dadurch nochmals eine andere Sinnschärfe. Die Wiener, die Österreicher tragen diese Verantwortung an uns heran, und wir müssen uns dem stellen.

Braucht man dazu mehr Uraufführungen?

Hartmann: Komischerweise sind die Klassiker manchmal geeigneter über die Gegenwart zu berichten. Deshalb sind sie Klassiker geworden, weil sie die aufrichtigsten und die gültigsten Werke sind. Aber auch Botho Strauß oder Thomas Bernhard sind in dieser Hinsicht Klassiker. Nehmen wir aber nur "Faust": In Teil Zwei wird gerade das Papiergeld erfunden, Wagner arbeitet am künstlichen Menschen. Das ist aktueller denn je.

Bleiben wir gleich bei der Krise. Die Bundestheater brauchen eine Erhöhung der Basisabgeltung um 20 Millionen Euro, die im Regierungsprogramm unter Budgetvorbehalt stehen. Als neuer Burg-Direktor bringen Sie in die Verhandlungen bestimmt einen gewissen Bonus mit. Wie laufen die Gespräche mit Kulturministerin Claudia Schmied?

Hartmann: Die Gespräche waren gut, ich habe keinen Anlass zu glauben, dass sie Kürzungen vornimmt. Sie ist sich als Ministerin im Klaren, dass Theaterkunst in wirtschaftlich schlechten Zeiten immer Hochkonjunktur hat. In den letzten zehn Jahren ist das Theater gerade noch auf ein erträgliches Maß heruntergespart worden. Die Tariferhöhung musste jedes Jahr das Theater refinanzieren. Das ist etwas, das in Bochum oder Zürich vollkommen undenkbar wäre, da war die Abgeltung der Tariferhöhungen Teil meines Vertrages. Auch in Österreich wissen jetzt alle, dass man an dem Punkt ist, wo man das so nicht mehr betreiben kann.

Haben Sie diese Klausel in Ihrem Wiener Vertrag auch drin?

Hartmann: Ich habe Verabredungen getroffen. Hier in Zürich hatte ich welche, die dann aber nicht eingehalten wurden. Die Schweizer Politik hat einen guten Ruf, viele scheren sich deswegen um nichts und hausen wie in einer Bananenrepublik. Die österreichische Politik hingegen hat einen schlechteren Ruf, wie ich feststelle zu Unrecht: Bisher haben sie alle Versprechen gehalten.

Sie haben kürzlich mit dem designierten Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper Franz Welser-Möst in Zürich "Carmen" gezeigt, 2009 inszenieren Sie an der Staatsoper "Macbeth". Wird es auch unter der neuen Direktion von Dominique Meyer Zusammenarbeiten mit der Oper geben?

Hartmann: Es gibt immer wieder Anfragen von Opernhäusern und ich bin sehr geneigt. Aber eigentlich komme ich aus einer anderen Musik, mich prägten etwa Björk und Radiohead, und nicht unbedingt Opernmusik. Ich wünschte mir, dass diese Erzählform, ohne ein Musical zu werden, von der intelligenten Musik versucht wird. Am meisten sehe ich das noch bei der Needcompany, die ja Artist in Residence in meiner Burgtheater-Direktion sein wird. Was Meyer betrifft: Den habe ich noch nicht kennengelernt.

Ihre Entscheidung, den "Faust" selbst zu machen, nachdem Regisseur Jürgen Gosch erkrankt war, war umstritten.

Hartmann: "Faust" war eine alte Idee von mir, ein alter Plan, von dem man wusste. Gosch war in Berlin und für jeden ansprechbar. Da geht das wie ein Lauffeuer.

Apropos Lauffeuer. Sie haben einmal in einem Interview gesagt, die Burg hat alles abgefackelt, was brennbar ist. Sind Sie froh, dass der "Faust" nun "übrig geblieben" ist?

Hartmann: Peymann wollte den schon mal machen und dann Bachler. Aber es gibt einigen Shakespeare, der nicht gemacht wurde und auf den ich viel Lust habe. Oder aber Burgtheater-Inszenierungen, die man ruhig noch mal machen kann.

Sowohl in Bochum als auch in Zürich verzeichneten Sie große Steigerungen bei der Auslastung, die jedoch immer noch unter jener des Burgtheaters liegen. Haben Sie in Wien den Anspruch, die bestehende Auslastungszahl zu toppen?

Hartmann: Der Spielplan ist so üppig, saftig und voll, dass wir diese Zahlen nicht toppen wollen. Wir kommen auch mit Stücken, die nicht so bekannt sind, leisten uns Dinge, die sperrig sind. Ich habe gerne eine gute Auslastung, aber wenn jemand schon so im Saft steht, sagen wir sicher nicht "Wir sind jetzt noch saftiger". Das ist nicht mein Ehrgeiz. Aber ich komme durchaus mit dem Selbstbewusstsein, dass ich ein noch größeres Publikum verführen möchte.

Planen Sie in dieser Hinsicht Änderungen in der Preisstruktur?

Hartmann: Man müsste so ins Theater gehen können wie ins Kino, natürlich nicht auf allen Plätzen.

Wie stark wird das Ensemble umstrukturiert? Sie sagten einmal, dass man üblicherweise ein Drittel behält, ein Drittel mitbringt und ein Drittel neu hinzukommt.

Hartmann: Das Ensemble behält die gleiche Stärke, pensionsbedingt gibt es dort und da Abgänge, aber es bleiben wohl so 70 Prozent unverändert. Grundsätzlich brauche ich für vier Spielstätten ein starkes Ensemble, man wird aber auch nicht ohne Gäste auskommen. Ich dränge nicht auf Veränderung. Schauspieler sind autonome Künstler, sie entscheiden selbst, wo sie arbeiten. Dass man in einer Burg beherbergt wird und sich dann beklagt, dass man nicht spielen darf, soll es bei mir nicht geben. Ich sehe das Theater gerne wie einen Taubenschlag: Ich mag's gerne, wenn's rein und rausflattert.

Stichwort junge Autoren. Wollen Sie den Nachwuchs aktiv fördern?

Hartmann: Es gibt Andreas Beck im Schauspielhaus, der das intensiv betreibt. Das Burgtheater ist grundsätzlich kein Talentschuppen, die Leute sollten schon was können, wenn sie ankommen. Aber natürlich werden wir wachsam sein.

(APA/Red.)