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Mein Leben als Brandstifter

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So manches dunkle Geheimnis, das im hintersten Winkel der persönlichen Erinnerung abgelegt sein karges Dasein fristet, offenbart gelegentlich und unerwartet seine dämonische Fratze.

Auch mir, als ich kürzlich meinen Kleiderschrank ausmistete. Da war sie also wieder. Und mit ihr die schmerzhaften Erinnerungen. Aber beginnen wir von vorne.

Es war im Jänner 2000, gezahlt wurde noch mit Schilling, als ich mich aufmachte, eine Winterjacke zu erstehen. Eine massentaugliche Bekleidungskette auf der Mariahilfer Straße offenbarte dann auch ein solches Stück – schwarzer Stoff und ein dekorativer, dicker brauner Streifen, umrahmt von zwei dünnen weißen Streifen, die horizontal über die Jacke mäanderten. Im Abverkauf noch dazu. Formschön, günstig, zapp zapp – Jacke gekauft und angezogen.

Beim Verlassen des Geschäfts lächelte der Maronibrater vis à vis freundlich – so etwas, er trug genau die gleiche Jacke. So wie auch der nächste Maronimann. Und so wie weitere gefühlte 666 Passanten, die an diesem Nachmittag über die Mariahilfer Straße marschierten. Wie ein Kainsmal leuchtete der markante weiß-braun-weiße Streifen alle paar Sekunden aus der Masse hervor. Eine Bruderschaft der Jacke, die Stück für Stück den Glauben an Individualität aus meinem Herzen riss.

„Der Brandstifter ist gefasst“, lautete am nächsten Tag die Schlagzeile einer Zeitung, die mir beim Frühstück entgegensprang. Jener Brandstifter, der über Wochen den oberösterreichischen Ort St. Georgen an der Gusen in Aufruhr versetzt hatte. Unter dem Titel war sogar ein Bild des mutmaßlichen Täters zu sehen, der gerade von der Polizei abgeführt wurde. Und jetzt raten Sie einmal, welche Jacke er trug.

Am nächsten Tag habe ich mir eine neue gekauft.


erich.kocina@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2009)