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Tschechien: Ein Präsident mit Gossensprache

Miloš Zeman
Miloš Zeman(c) imago/CTK Photo (imago stock&people)
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Staatschef Miloš Zeman schockierte in einem Radiointerview mit höchst vulgären Begriffen über das primäre weibliche Geschlechtsteil. Jetzt spricht das ganze Land darüber.

Der tschechoslowakische Staatsgründer Tomáš G. Masaryk (1850–1937) äußerte sich einst zu politischen und gesellschaftlichen Grundfragen in legendären Gesprächen mit dem Schriftsteller Karel Čapek. Václav Havel, der sich in manchem in der Tradition Masaryks sah, nahm nach 1989 diesen Faden in gewisser Weise auf und meldete sich regelmäßig jeden Sonntag in den „Radiogesprächen aus Lany“, seinem Sommersitz. Die Tschechen scharten sich seinerzeit um die Radios, wusste Havel doch stets kluge Dinge von sich zu geben.

Havels Nachfolger, Václav Klaus, mochte an diese kultivierte Tradition nicht anknüpfen. Erst der aktuelle Präsident, Miloš Zeman, seit Frühjahr 2013 im Amt, erklärte sich wieder bereit, dem 1. Programm des Tschechischen Rundfunks (Radiožurnál) einmal im Vierteljahr ein einstündiges Interview zu gewähren.

Bisher liefen diese Gespräche mit dem Chefredakteur des Senders, Jan Pokorný, relativ zivilisiert ab, wenngleich Zeman nie mit seinen so beliebten wie fragwürdigen Bonmots sparte und Pokorný stellvertretend für alle von ihm ungeliebten Journalisten gern als „Schwachkopf“ hinzustellen suchte. Jüngst schlugen Zemans Äußerungen jedoch ein wie eine Bombe: Der Präsident bediente sich dabei nämlich mehrfach Wörter von ungewöhnlicher Derbheit, besonders für jemanden, der in der Öffentlichkeit steht.

 

Wie man „Pussy“ übersetzt

Zeman wurde unter anderem auf seinen kürzlichen Besuch in China angesprochen, wo er eine Abkehr von der Havel'schen Menschenrechtspolitik vollzogen und den Machthabern für bessere Wirtschaftskontakte alles Mögliche versprochen, aber mit keinem Wort die Menschenrechtsfrage erwähnt hatte. Thema war auch sein Verständnis für den Kurs von Kreml-Chef Putin im Ukraine-Konflikt. In dem Konnex äußerte sich Zeman über frühere politische Gefangene in Russland: Er nannte die Mitglieder der anarchistischen Frauenband Pussy Riot „pornografisch“ und übersetzte den englischen Begriff „Pussy“ gleich ins Tschechische. Dafür wählte er ein ebenso vulgäres Wort, das für das weibliche Geschlechtsteil benutzt wird: „Kunda“ (deutsch: Fotze). Die Texte von Pussy Riot seien voll davon: „Fotze hier, Fotze da“, parlierte Zeman

Im Lauf des Gesprächs bediente er sich weiterer übler Ausdrücke, die nicht zitiert werden sollen. Auf die Frage, weshalb er so derb rede, sagte Zeman, er habe sich von seinem einstigen Gegenkandidaten um das Präsidentenamt, Karel Schwarzenberg, inspirieren lassen, der angeblich in jedem zweiten Satz das Wort „Scheiße“ benutze.

Der Aufschrei war groß. Beim Rundfunkrat gab es so massive Beschwerden, dass er sich mit der Sache befassen wird. Die Mitarbeiter des Radios gehen davon aus, dass man Strafe wird zahlen müssen. Der Sender verteidigte mit einer Erklärung: Es sei eine Livesendung „immerhin mit dem Präsidenten“ gewesen, die man nicht einfach habe abbrechen können.

 

„Kneipen der untersten Klasse“

In sozialen Medien wie Facebook machte man sich einen Spaß aus dem Ausraster: Die Sätze wurden zu einem Rap verfremdet, zu Musik von Modern Talking. Politiker fanden die Causa weniger lustig. Mancher meint, Zeman habe ablenken wollen vom Auftritt in China. In der Tat reden die Tschechen seit Tagen nur über die vulgären Worte des Präsidenten. Ein Sprachexperte sagte im Radio, Zeman habe „Gossensprache“ aus „Kneipen der untersten Preisklasse“ benutzt. Die Lehrer dürften sich nicht wundern, wenn Schüler jetzt auch so redeten: Die hätten nun die Ausrede, dass der Präsident auch so spreche.

Es ist gut möglich, dass das Radio die „Gespräche aus Lany“ auf Eis legen wird. Bis Zeman einen Nachfolger hat. Einen seriösen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2014)