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Pensionskürzungen treffen die Jungen

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SymbolbildAPA/HERBERT PFARRHOFER

Eine „Steilvorlage“ für den Sozialminister, dabei kann dieser Reformtipps schon nicht mehr hören: Der deutsche Experte Rürup rät zur stufenweisen Erhöhung des Pensionsalters statt weiterer Einschnitte bei der Höhe.

Wien. Manchmal kommt es für Spitzenpolitiker knüppeldick. Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) kann ein Lied davon singen: Zuerst reizte ihn Vizekanzler Reinhold Mitterlehner mit den Plänen für eine Pensionsautomatik (siehe eigenen Bericht), es folgte die Prognose der Pensionskommission über größere Pensionszuschüsse aus dem Budget, dann gab es noch starken Tobak von Experten. Die für Hundstorfer ernüchternde Botschaft: „Es wird nie eine Pensionsreform geben, die die letzte ist.“ Das sei „falsch“, warnte der renommierte deutsche Pensionsexperte Bert Rürup, der vor 2000 auch für Österreichs Regierung tätig war.

Schauplatz und Anlass für das brutale Wachrütteln war eine Diskussion am Dienstagabend , zu der die S-Versicherung der Vienna Insurance Group Rürup nach Wien geladen hatte. Immerhin bescheinigte der deutsche Gast der österreichischen Regierung, dass die zahlreichen Pensionsreformen in den vergangenen 20 Jahren keineswegs spurlos geblieben seien. Dabei machte Rürup einen Hauptverlierer aus: Er sehe eine „deutliche Gerechtigkeitslücke zulasten der Jüngeren.“ Gerade bei den Jungen seien deutliche Kürzungen gemacht worden, bekräftigte er später in seinem Schlusswort.

Was die Pensionshöhe betrifft, so riet der deutsche Fachmann daher von weiteren Eingriffen ab: „Ich würde von jeder weiteren Kürzung Abstand halten.“ Alles paletti jetzt also? Mitnichten. Denn Rürup drängte angesichts der stetig steigenden Lebenserwartung auf weitere Änderungen. Er würde den Hebel vorrangig bei der tatsächlichen Bezugsdauer der Pension, die ebenfalls die Kosten nach oben treibt, ansetzen. Diese hat sich in Österreich im Schnitt auf rund 22 Jahre verlängert. Der Grund: Der Berufseinstieg nach der Ausbildung erfolgt später, gleichzeitig geht der Großteil der Österreicher in Frühpension.

„Irrtum“ Arbeitsplatzmangel

Das Gegenmittel für Rürup ist nicht nur die Anhebung des tatsächlichen Pensionsantrittsalters, das derzeit bei 58,5 Jahren liegt, sondern in einem weiteren Schritt auch eine stufenweise Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters. Einen Seitenhieb gab es noch für Hundstorfer und die SPÖ, die beklagt, dass es nicht genügend Arbeitsplätze für Ältere gibt. Es sei ein „Irrtum“, dass das Volumen an Arbeit gleich bleibe.

Vom Experten Ulrich Schuh vom heimischen Institut Eco-Austria gingen weitere Peitschenhiebe auf den Minister nieder: Er wolle zwar „nicht den Weltuntergang herbeireden“. Aber: „Langfristig ist unser Pensionssystem klipp und klar nicht abgesichert.“

Zehn Jahre früherer Tod

Nach einer Viertelstunde wurde es Hundstorfer zu bunt. „Ich kann das schon nicht mehr hören“, fauchte er aufgebracht in Richtung Schuh, das sei „zynisch“. Bei der Invaliditätspension gehe es um Leute, die mit 780 Euro im Monat auskommen müssten und die zehn Jahre früher sterben. „Entschuldigung“, sagte Hundstorfer und setzte die Diskussion in Ruhe fort.

Bei dieser ging Rürups Plädoyer für einen Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge fast unter. Der Rat klang zwar nicht Hundstorfer, aber dem Vorstandsdirektor der S-Versicherung und Sprecher der Sektion Leben im Versicherungsverband, Manfred Rapf, wie Musik in den Ohren. Der wünscht mehr betriebliche und private Vorsorge als Ergänzung. (ett)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2014)