Hundstorfer: Der Mann für alle Bälle

MINISTERRAT: HUNDSTORFER
MINISTERRAT: HUNDSTORFER(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

Er könnte SPÖ-Vorsitzender werden, Wiener Bürgermeister oder sogar Bundespräsident. Noch ist er Sozialminister: Rudolf Hundstorfer, die größte Personalreserve der SPÖ. Ein Porträt.

Mittwochabend vergangener Woche, Weihnachtsempfang der Industriellenvereinigung im Haus der Industrie auf dem Schwarzenbergplatz: ÖVP-Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter ist da, ÖVP-Staatssekretär Harald Mahrer – und SPÖ-Sozialminister Rudolf Hundstorfer. „Da schau her, der Hundstorfer“, raunt ein Unternehmer einem anderen Gast zu. „Eigentlich ist der ja ein Kommunist.“

Dabei hat der Sozialminister sonst eine ganz gute Nachrede unter Unternehmervertretern und ÖVP-Regierungspolitikern. Denn in Verhandlungen erweist er sich letztlich in guter sozialpartnerschaftlicher Tradition doch als kompromissbereit. Allerdings: Wirklich einschneidende Reformen sind mit ihm auch nicht zu machen.

Die noch bessere Nachrede hat Rudolf Hundstorfer freilich in der SPÖ – die bessere als der amtierende Parteichef. Und so gilt der Sozialminister, vor allem im linken Flügel der SPÖ, als Kandidat für den Parteivorsitz, sollte Werner Faymann die Segel streichen. Hundstorfer ist derzeit allerdings auch SPÖ-interner Favorit für die Bundespräsidentschaftswahlen 2016. Und sollte die Wiener Gemeinderatswahl im kommenden Jahr in einem Desaster für die SPÖ enden, dann wären Michael Häupls Tage gezählt. Als potenzieller Nachfolger gilt: Rudolf Hundstorfer.

Vertraute des Sozialministers versichern, dass ihn der Job des SPÖ-Vorsitzenden am wenigsten interessiere. Dem Amt des Wiener Bürgermeisters hingegen sei er nicht abgeneigt. Und einen Bundespräsidenten Rudolf Hundstorfer könne sich Rudolf Hundstorfer überhaupt sehr gut vorstellen.

Der Wiener Bürgermeister wäre jedenfalls eine Rückkehr zu seinen Wurzeln. Rudolf Hundstorfer, 1951 in Wien geboren, begann als Kanzleilehrling im Magistrat. Er engagierte sich in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, deren Chef er 2003 wurde. Spitzname ebendort: „der schöne Rudi“.

Danach ging es in der bis dato eher beschaulichen Karriere Schlag auf Schlag: Im Frühjahr 2006 brach der Bawag-Skandal über den ÖGB herein. Deren Führung war diskreditiert, der langjährige ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch trat zurück. In der Not verfiel man auf den Gewerkschaftschef der Gemeindebediensteten, Rudolf Hundstorfer. Und dieser machte als ÖGB-Chef aus der Not eine Tugend: Gab sich im Namen der Gewerkschaft de- und reumütig, akzeptierte, dass führende Gewerkschafter aus dem Parlament flogen – und rettete, was zu retten war. Der ÖGB wurde abgeschlankt, die Zentrale von der Innenstadt an den Stadtrand verlegt. Bescheidenheit war die neue Zier des ÖGB unter Rudolf Hundstorfer. Die Konzentration auf die Kernaufgaben das Wesentliche.

Und die Partei dankte es ihm. 2008 wurde er Arbeits- und Sozialminister. Er führt seither das nach dem Kanzleramt wichtigste Ressort für die SPÖ. Er tut es umsichtig, mit Sachverstand, kompromissbereit, wenn nötig, hart in der Sache, wenn möglich. Er setzte die Mindestsicherung durch. Hielt mit Kurzarbeitsprogrammen die Arbeitslosenzahl während des Höhepunkts der Wirtschaftskrise niedrig. Der Trend zur Frühpension wurde sanft gebremst. Das Pensionskonto eingeführt.

Hundstorfers Stärken: Er ist volksnah, hemdsärmelig und kennt sich fachlich aus. Seine Schwächen: Seine Strahlkraft ist auf das SPÖ-Milieu beschränkt. Von Charisma wird man allerdings auch dort nicht sprechen.

„Und er ist schon auch ein wenig ein Trickser“, ist aus der ÖVP zu hören. Sprich: Hundstorfer schafft gern vollendete Tatsachen. Dinge, die noch nicht fertig ausverhandelt seien, werden von ihm einfach präsentiert. Vieles lasse er auch einfach liegen – wie das Pensionsmonitoring zum Beispiel. Wie Hundstorfer überhaupt noch immer stark unter dem Einfluss von Arbeiterkammer und ÖGB steht, von denen er sich nie emanzipieren konnte.

Diese Rücksichtnahme, das Vermeiden notwendiger, vielleicht schmerzhafter Maßnahmen – etwa im Pensionsbereich – eröffnen ihm selbst nun neue Karriereperspektiven in der SPÖ. Die allerdings durch die immer schlechter werdenden Arbeitsmarktdaten zusehends wieder getrübt werden. Auch beim sozialpartnerschaftlichen Prestigeprojekt Bonus-Malus-System bei den Pensionen geht nichts weiter. Und Werner Faymann dürfte zunehmend bewusst werden, dass ihm hier ein ernst zu nehmender Konkurrent erwachsen ist: So sitzt Hundstorfer weder in der Steuerreformgruppe noch in der ÖIAG-Reformgruppe.


Auf dem bürgerlichen Parkett. Aber immerhin: Es naht wieder die Ballsaison. Und kein Minister, schon gar kein sozialdemokratischer, bewegt sich auf diesem Parkett des Wiener Bürgertums derart routiniert wie Rudolf Hundstorfer. Vom Philharmonikerball bis zum Jägerball – Rudolf Hundstorfer ist seit Jahren Stammgast. Kaum einen Ball lässt er aus. Gut möglich also, dass auch heuer wieder der eine oder andere Bürgerliche die Scheu vor dem „Kommunisten“ Rudolf Hundstorfer ablegt. Denn wer die Wiener Balltradition derart wie er pflegt, eignet sich nicht wirklich zum Revolutionär.

Zur person

Rudolf Hundstorfer, geboren am 19.September 1951 in Wien, begann 1966 als Lehrling beim Magistrat in Wien. Seit den 1970er-Jahren engagierte er sich in der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten. 2003 wurde er deren Vorsitzender.
Ab 1990 war er Mitglied des Wiener Gemeinderats, ab 1995 auch dessen Vorsitzender. Nach dem Bawag-Skandal 2006 wurde Hundstorfer ÖGB-Chef. Seit 2008 ist er Sozialminister.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2014)