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Das Urinal der Baroness

Elsa von Freytag-Loringhoven, geborene Plötz, kommt als Urheberin des signierten Urinals infrage. Die Autorschaft hat sie aber nie beansprucht.(c) MIT Press
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Mit einem handelsüblichen Urinal hat Marcel Duchamp den Kunstbegriff neu definiert. Dabei ist nicht restlos geklärt, wer wirklich hinter dem Objekt steckt.

Im Jahr 1917 reichte jemand in New York ein Urinal zu einer Kunstausstellung ein. Gezeichnet mit dem Pseudonym R. Mutt, entstand daraus ein Skandal: Das sollte Kunst sein? Sofort wurde Marcel Duchamp als Urheber vermutet. Der verneinte, erklärte dann aber Jahre später doch seine Autorschaft. Seit einiger Zeit wachsen daran Zweifel. Hat Duchamp sein berühmtes Urinal nicht viel eher einer unbekannten Künstlerin gestohlen? Muss die Kunstgeschichte neu geschrieben, müssen die Marktpreise für den berühmten Franzosen revidiert werden?

Die Ausstellung wurde damals von der Society of Independent Artists in New York ausgerichtet. Deren Statuten sahen vor, dass jeder Künstler jedes Werk präsentieren durfte, solange die Gebühren bezahlt wurden. Trotzdem lehnte die Gesellschaft das Werk ab, denn es sei zu vulgär und nicht von einem Künstler geschaffen. Das Objekt ging zwar später verloren, gilt aber bis heute als Ikone der Konzeptkunst und Marcel Duchamp (1887–1968) als Vater dieser Kunstrichtung. Denn mit dem Pissoir, das Duchamp erst Jahrzehnte später mit „Fontäne“ betitelte, änderte sich die Definition von Kunst radikal: Kunst ist, was ein Künstler dazu erklärt. Entscheidend ist nicht die Ausführung, das Objekt selbst, sondern die Idee dahinter – das Konzept.

Suche nach einer Urheberin. An dem Objekt als Wendepunkt in der Kunstgeschichte ist nicht zu rütteln. Aber an der Zuschreibung. Denn in einem Brief an seine Schwester Suzanne schreibt Duchamp nur zwei Tage nach der Ablehnung durch die Ausstellungsveranstalter: „Eine meiner Freundinnen reichte unter einem Pseudonym, Richard Mutt, ein Porzellanurinal als Skulptur ein.“ Diese Briefzeile wurde erst 1982 bekannt und im „Archives of American Art Journal“ publiziert. Wer ist diese Freundin? Die Übersetzerin Louise Norton, die damals mit ihrem Text „Buddha of the Bathroom“ die Skulptur verteidigte? Oder Elsa Plötz, wie es die Literaturhistorikerin Irene Gammel nachweist? Plötz, 1874 in Deutschland geboren, war in dritter Ehe mit Leopold Karl Friedrich Baron von Freytag-Loringhoven verheiratet. Der Baron verschwand mit den spärlichen Ersparnissen der Künstlerin, die dafür den Adelstitel behielt – und einzusetzen wusste. Bald galt Elsa als neuer Star in New York, etablierte sich dort als rebellische junge Poetin, als exzentrische Dadaistin. In ihrer kleinen Wohnung sammelte sie lauter alten Plunder, wie es der Maler George Biddle 1917 beschrieb. Er fügte an, dass die Dinge für die Baroness „objects of formal beauty“ seien. Diese Poetin gefundener Objekte, die Löffel als Ohrringe trug und Tomatendosen als BH, soll auch das Pseudonym R. Mutt erfunden haben. Denn: Ausgesprochen heißt es „Armut“, allerdings mit Doppel-t: Armutt.

Elsa von Freytag-Loringhoven starb 1927 in Paris und war bald nahezu vergessen. 33 Jahre nach der skandalösen Einreichung, also erst 1950, beanspruchte Duchamp die Autorschaft für die „Fontäne“. Für seine Ausstellung in der Sidney Janis Gallery in New York fertigte er eine Replik an. Sollen jetzt die Museen vom Centre Pompidou bis zur Tate London die Kennzeichnung ändern? Amelia Jones, Glyn Thompson und Julian Spalding sprechen sich dafür aus. Jesse Prinz, Philosophieprofessor an der City University of New York, ist anderer Ansicht. Gegen Louise Norton spreche, dass Duchamp ein Leben lang mit ihr befreundet blieb – hätte sie da nicht seiner Aneignung der Autorschaft widersprochen? Zudem habe Norton weder vorher noch nachher jemals wieder eine ähnliche Aktion gesetzt. Gegen Elsa Plötz spreche die einseitige Freundschaft, die Duchamp nicht erwiderte, aber auch die Tatsache, dass die sehr kämpferische Künstlerin nie die Autorschaft beanspruchte. Prinz stellt auch den Zusammenhang zwischen dem Wort „Armut“ und dem Urinal infrage.

Duchamps Rad von 1913. Prinz weist darauf hin, dass in der damaligen Zeit einige Kunst aus gefundenen Objekten entstand – von Mina Loy, ebenfalls eine Freundin Duchamps, aber auch von Alfred Stieglitz, der das berühmte Foto der „Fontäne“ erstellte. Gegen Duchamp spricht, dass er seine Autorschaft erst nach Stieglitz' Tod behauptete. Für Duchamp als Urheber spricht laut Prinz aber weit mehr, nicht zuletzt das berühmte Rad auf einem Hocker, das der Franzose bereits 1913 schuf und das seinem Freund, dem Kunstsammler Walter Conrad Arensberg, 1917 auch zur Verteidigung des Urinals diente. Denn wenn ein Rad als Objektkunst gilt, warum nicht auch ein Pissoir?

Und die Signatur? Duchamp behauptete später, das Pseudonym sei ein Wortspiel zu Mott Iron Works, wo er das Objekt gekauft habe, und eine Anspielung auf den damals berühmten Cartoon „Mutt and Jeff“. Aber ein Verkaufskatalog von 1913 zeigt, dass die Firma damals dieses Urinal gar nicht verkaufte.

Prinz wendet ein, die Modelle könnten sich in der Zwischenzeit verändert haben. Vor allem aber zeigt ein Schriftvergleich deutliche Ähnlichkeit zu Duchamps Signatur. Und der Brief an seine Schwester? In dem Brief bittet Duchamp Suzanne, den Erfolg der Ausstellung seiner Familie mitzuteilen – vielleicht wollte er den Skandal nach Europa tragen, mutmaßt Prinz und rekapituliert folgenden Ablauf: Duchamp kaufte ein Urinal, signierte es und bat seine Freundin Louise Norton, das Objekt zur Ausstellung zu bringen. Nach der Ablehnung trat er aus der Künstlervereinigung aus, befeuerte den öffentlich ausgetragenen Skandal und wollte diesen durch den Brief an die Schwester bis nach Europa tragen.

Repliken mit neuer Signatur. Das gelang zwar nicht, aber „Fontäne“ war trotzdem ein geballter Angriff: auf den Künstler als genialen Schöpfer, auf die Grenze zwischen Hoch- und Trivialkultur, auf die damalige Macht der Künstlersalons und nicht zuletzt auf die Idee eines Originals. Und die Irritation der Idee eines Originals gilt bis heute. 1964 ließ Duchamp Repliken seiner „Fontäne“ in einer Auflage von acht plus vier Exemplaren anfertigen. Alle Nachbildungen weichen in der Signatur deutlich von dem frühen Objekt ab – wie wichtig ist überhaupt die Frage der ursächlichen Autorschaft?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2015)