Keramik: Das Plastiksackerl der Antike

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Ägyptologie. „Das Zeug ist überall“, sagt Bettina Bader über Keramik. Sie erzählt, wofür Keramik in der Antike genutzt wurde und welche Geschichten der Ägypter darin stecken.

Wenn Bettina Bader eine Keramikscherbe in die Hand nimmt, weiß sie sofort, ob das Material 3000 v. Chr. entstanden ist, also in der ägyptischen Frühzeit, oder im Mittleren Reich um 2000 v. Chr. „Das Rohmaterial hat sich in verschiedenen Zeiten unterschieden – und die Herstellungstechnik auch. Das kann man mit freiem Auge gut erkennen“, sagt Bader, die mit ihrer Forschungsgruppe soeben von der Uni Wien an die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) übersiedelt, ans Institut für Orientalische und Europäische Archäologie in der Wiener Innenstadt. Sie ist auf Keramiken spezialisiert und wird von vielen internationalen Grabungsteams eingeladen, bei der Datierung der Funde zu helfen.

„Nur im Idealfall sind ganze Gefäße intakt erhalten. Wenn man viel Glück hat, sind wenigstens genug Scherben da, um das ganze Stück zu rekonstruieren. Aber in der restlichen Masse von Scherben konzentrieren wir uns auf ,diagnostische‘ Scherben, das sind Ränder, Henkel, Gefäßböden und mit Mustern bemalte Scherben“, erklärt Bader. „Undiagnostische Scherben“ werden zwar vermessen und begutachtet, doch am Ende der Grabungssaison entsorgt.

Nicht nur heute werden Keramikstücke längst vergangener Zeiten weggeworfen. „Keramik war das Plastiksackerl der Antike“, sagt Bader. Bei jeder Ausgrabung findet man Massen davon. Keramik wurde für alles Mögliche genutzt: zum Transport von Waren, zum Kochen, als Tafelgeschirr, als Kult oder Grabbeigabe. „Und ähnlich dem Plastik in der heutigen Zeit, in der man kleine Partikel davon in allen Weltmeeren findet, wurde auch Keramik zerbrochen und vertragen. Manche antike Stätten in Ägypten haben ganz rote Böden: Das ist alles zerkleinerte Keramik“, so Bader.

 

Skelett mit Goldschmuck gefunden

Sie ist frisch zurück in Österreich nach einem Aufenthalt in Luxor in Südägypten, wo sie Teil eines spanischen Grabungsteams der Universität Granada war. Dort wurde in einem eingestürzten Grab, das dadurch für Grabräuber nicht zugänglich war, ein sehr gut erhaltenes Skelett einer etwa 30-jährigen Frau gefunden. An ihren Armen hingen noch vollständig erhaltene Schmuckreifen. „Zuerst dachten wir, es ist Kupfer, doch nach der Reinigung stellte sich heraus, dass es Gold ist. Auch die Reste von Silberschmuck wurden gefunden, doch Silber bleibt nicht so gut erhalten wie Gold“, erzählt die Ägyptologin.

Da man Metalle zeitlich nicht gut bestimmen kann, sind Keramikgefäße und Fragmente davon, die im selben Grab gefunden werden, für die Datierung so wertvoll. „Hier handelte es sich um eine sozial hochgestellte Dame aus dem späten Mittleren Reich um 1750 v. Chr.“, sagt Bader.

Chemische Analysen oder Labor-Datierungen sind mit aktuellen ägyptischen Funden meist nicht möglich, da es ein striktes Exportverbot für alle Antiquitäten gibt, auch wissenschaftliche Proben dürfen nicht aus Ägypten ausgeführt werden.

Doch Keramikspezialisten sind nicht nur als „Zeitbestimmer“ in Grabungen involviert. Dadurch, dass „das Zeug überall ist“, wie Bader es ausdrückt, steckt in den Funden viel Detailinformation: Wo wurde gekocht, gegessen, gearbeitet? In welcher Zeit fand welche Aktivität statt? „Aus Brotformen in Bäckereien kann man herauslesen, wann sich die Kultur des Backens veränderte. In metallurgischen Werkstätten erfahren wir über die Keramiken, wann und wie Fischhaken hergestellt wurden oder welche Waffen gegossen wurden.“

Die aktuelle Grabungsstätte in Luxor, die von der Bank Santander, der Fundación Botin und dem Zementhersteller Cemex gesponsert wird, konzentrierte sich auf einen Totentempel von Thutmosis III., dem „Napoleon der 18. Dynastie“, wie Bader es ausdrückt. Dieser Pharao herrschte von 1479 bis 1425 v. Chr. und expandierte das ägyptische Neue Reich am weitesten nach Süden und Norden. Ein Teil dieses Totentempels in Luxor soll für Touristen rekonstruiert werden. „Die Gräber, die der Tempel bei seinem Bau zerstörte, liegen darunter und sind um einiges älter“, sagt Bader.

Sie betont, dass man sich bei der Interpretation der Funde nie auf ein Spezialgebiet beschränken sollte: „Einzelne Objektgruppen führen in eine Sackgasse.“ Erst die Zusammenhänge der gesamten Fundgruppe von Schmuck, über Keramik und andere Gegenstände, zeigen, welchen Status eine Person hatte oder wie der Kultgebrauch damals war. „Das Glück und der Fluch der Ägyptologie ist es, dass es viele textliche und bildliche Darstellungen gibt. Man hat den Eindruck, viel darüber zu wissen“, sagt Bader.

Die Archäologie wurde in dem so gut erforschten Abschnitt des Weltgeschehens lange vernachlässigt. Inzwischen entdecken Archäologen aber, dass viele Texte und Bilder nur Propaganda der jeweils herrschenden Elite waren. Die wissenschaftlichen Belege der Erdschichten zeichnen oft ein ganz anderes Bild: Angeblich gewaltsame Herrschaftsübernahmen waren teils friedlich gewachsene Veränderungen und angeblich von Pharaonen errichtete Tempel wurden bereits als Kultstätten ihrer Vorgänger entlarvt.

ZUR PERSON

Bettina Bader wurde 1969 in Baden geboren, studierte an der Uni Wien Ägyptologie. 2014 erhielt sie den mit bis zu 1,2 Millionen Euro dotierten Start-Preis des Wissenschaftsministeriums für das Projekt „Jenseits der Politik: Materielle Kultur in Ägypten und Nubien in der Zweiten Zwischenzeit“ an der ÖAW. Sie ist an Grabungsteams aus Spanien, England, Österreich und den USA beteiligt. [ Tina King ]