Schnellauswahl

"Was man für Bildung hält, misst PISA nicht"

(c) Clemens Fabry
  • Drucken
  • Kommentieren

Der Kölner Wissenschaftler Matthias Burchardt rechnet mit PISA ab. Davon profitieren würden internationale Unternehmen.

Richtet sich die schulische Bildung mittlerweile zu sehr nach den Bedürfnissen der Wirtschaft? Nach Ansicht des deutschen Bildungsexperten Matthias Burchardt von der Universität Köln schreitet die "Ökonomisierung" der Bildung in ganz Europa voran und damit erfolgt eine Entwicklung in eine falsche Richtung. Hauptverantwortlich macht der Experte den Einsatz der internationalen PISA-Tests, die spätestens seit dem Jahr 2000 den Druck in diese Richtung erhöht haben. Aber, so beklagte der Kölner Hochschullehrer zuletzt bei einem Vortrag beim Bundeslehrertag der Christgewerkschafter (FCG) in Linz: "Was man für Bildung hält, misst PISA nicht." Es gehe darum, Test- und Textausgaben zu erfassen. Bildung im umfassenden Humboldtschen Verständnis tritt damit in den Hintegrund. Der Unterschied sei: "Die Schule ist keine output-orientierte Brötchenfabrik."

Es werde jedoch als Reaktion auf die - auch in Österreich - ernüchternden PISA-Vergleichstests eine falsche Schlussfolgerung gezogen. Jetzt heiße es für die Schulen, "wir müssen unsere Testerfolge, nicht Bildung verbessern." Auch in Österreich war nach schlechten Ergebnissen in den vergangenen Jahren ausgehend vom Unterrichtsministerium angeregt worden, sich besser auf die spezifischen Tests vorzubereiten. "Wir haben Bildung kleingeredet", so Burchardt, statt dessen stehe Kompetenz-Orientierung im Vordergrund. Zugleich machte er sich lustig darüber, dass auf einmal ein Land, das bei PISA stets im Vorderfeld lag, in den vergangenen Jahren als Vorbild diente: "Plötzlich sind alle nach Finnland gefahren." Dabei liege Finnland nur in diesem besonderen Bereich vorne, in anderen hingegen gleichauf mit den anderen skandinavischen Staaten.

"Internationale Unternehmen profitieren"

Von Wirtschaftsseite war allerdings in der Vergangenheit öffentlich immer lauter und immer häufiger zweierlei beklagt worden: Wirtschaftskenntnisse würden in Österreichs Schulen viel zu wenig vermittelt, außerdem stünden zahlreiche Lehrer der Wirtschaft ebenso wie der Technik höchst skeptisch gegenüber. Einen Widerspruch zum Umstand, dass viele Unternehmen und Personalchefs mangelnde Kenntnisse bei Schulabgängern beklagen, sieht der deutsche Wissenschaftler dennoch mit seiner Position nicht. Die unter dem Eindruck der PISA-Ergebnisse erfolgte Orientierung würden eine Fokussierung auf diese Kompetenz bringen. "Es sind die international agierenden Unternehmen, die davon profitieren, der Mittelstand nämlich nicht", so sein Befund.

Die Folge sei jedenfalls: "Die Schulen sehen sich in ganz Europa einem gewaltigen Reformstress ausgesetzt." Angesichts dessen würden die Lehrer "gar nicht mehr dazu kommen zu unterrichten", meinte er unter Gelächter Hunderter Lehrervertreter im Publikum. Dabei hatte Burchardt schon zu Beginn seines Vortrags ausdrücklich betont, es gehe "nicht darum, die alten Zeiten zu vergolden", um zu unterstreichen, dass Änderungen notwendig sind. Angesichts der bisherigen Entwicklung sieht er allerdings die "große Gefahr", dass nach und nach im Schulbereich auch durch den politischen Druck in diese Richtung nur mehr "verbrannte Erde" hinterlassen werde.

(ett)