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Japan: Arbeitswut hemmt die Wirtschaft

People use their mobile phones as they stand in front of a lingerie shop at a shopping district in Tokyo
(c) REUTERS
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Die Regierung in Tokio will Arbeitnehmer motivieren, früher Feierabend zu machen – damit ihnen Zeit zum Geldausgeben bleibt.

Wien. Die Japaner arbeiten abends zu lang, findet deren Regierung. Man will nun erreichen, dass sie sich von der Tradition der langen Arbeitstage verabschieden. Der Grund ist ein handfester ökonomischer: Die Menschen sollen nach der Arbeit noch Zeit haben, die Wirtschaft des Landes anzukurbeln.

Ein Aufruf, im Job kürzerzutreten, ist das nicht unbedingt. Aber man soll morgens früher zu arbeiten beginnen, damit abends noch Zeit für Familie und Freunde bleibt. So sagte es Regierungssprecher Yoshihide Suga gestern in Tokio. Er ließ auch durchblicken, wie das abendliche Freizeitprogramm ausschauen sollte: Oft werde gesagt, „dass die langen Arbeitszeiten in unserem Land die Menschen daran hindern, die Annehmlichkeiten zu genießen“. Eine Reform der Arbeitsweise sei „äußerst wichtig, um die Menschen von den Vorzügen der Abenomics profitieren zu lassen und das Wachstum des Landes nachhaltig zu fördern“.

Abenomics ist das Schlagwort für die von Regierungschef Shinzo Abe angestoßenen Reformen, die die lahmende japanische Wirtschaft ankurbeln sollen.

 

Höhere Löhne nützten nichts

Auch die Unternehmen hat die Regierung schon in die Pflicht genommen, um ihren Beitrag zum Kampf gegen die Deflation zu leisten: Sie sollen höhere Löhne zahlen. Erst vorige Woche verkündeten mehrere Betriebe, dass sie das nun umsetzen werden. Schon im vergangenen Jahr gab es Gehaltserhöhungen in einigen großen Firmen. Der erwünschte Effekt blieb jedoch aus: Die Ausgaben privater Haushalte sanken trotzdem so stark wie seit acht Jahren nicht mehr. Unter anderem lag das wohl an der Mehrwertsteuererhöhung im April des Vorjahres von fünf auf acht Prozent. Das verpasste der Kauflaune einen argen Dämpfer, Japans Wirtschaft schrumpfte daraufhin im zweiten Quartal so stark wie seit der weltweiten Finanzkrise 2008/09 nicht mehr.

(c) Die Presse

Da helfen sichtlich auch höhere Löhne wenig. Der frühere Feierabend soll die Japaner nun doch noch dazu anregen, mehr Geld auszugeben. Auch zum Urlaubmachen will die Regierung ihre Bevölkerung künftig zwingen: Heuer kündigte sie bereits einen Gesetzesentwurf an, der den Arbeitnehmern vorschreiben soll, dass sie mindestens fünf der ihnen zustehenden Urlaubstage auch wirklich nehmen müssen. Es hieß, das sollte Gesundheitsprobleme verringern, die zumindest zum Teil auf die rigide Arbeitsmoral der Japaner zurückgeführt werden. Damals bezog man sich auf eine Studie des Arbeitsministeriums, derzufolge die Japaner weniger als die Hälfte des ihnen zustehenden, bezahlten Urlaubs nehmen. Im Schnitt nutzten sie 2013 neun ihrer 18,5 Urlaubstage. Jeder sechste Arbeitnehmer nahm laut einer anderen Umfrage im gesamten Jahre keinen einzigen Urlaubstag.

 

US-Amerikaner arbeiten noch mehr

Es gibt allerdings Industrieländer, in denen noch mehr gearbeitet wird als in Japan – zum Beispiel in den USA. Das zeigt die OECD-Statistik über tatsächlich geleistete Arbeitsstunden. Dafür wird die Gesamtzahl der Stunden durch die durchschnittliche Beschäftigtenzahl dividiert. Die letzten verfügbaren Daten stammen aus dem Jahr 2013. Jeder Arbeitnehmer in den USA arbeitete demnach durchschnittlich 1788 Stunden pro Jahr, Japaner kamen im Schnitt auf 1735, Österreicher auf 1623 Arbeitsstunden. Deutlich weniger Stunden widmeten Franzosen (1489), Deutsche (1388) und Niederländer (1380) ihrem Job. Letztere haben traditionell eine hohe Teilzeitquote. Seit 2000 ging die Zahl der geleisteten Stunden in den OECD-Ländern generell zurück.

Aber nochmals zu den Japanern: Wie viel Zeit sie wirklich ihrem Beruf widmen, zeigt die Statistik nur bedingt. Länger im Büro zu bleiben, gehört dort zum guten Ton. Überstunden werden oft verschwiegen. (APA/cka)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2015)