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Welcome to New Babel!

(c) APA/EPA/ALI HAIDER (ALI HAIDER)
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Die Wissenschaft ist monoglott, weltweit verständigt sie sich auf Englisch. Wie es dazu kam, versucht ein polyglotter Historiker zu rekonstruieren.

Ganz lapidar ließ das ehrwürdige Haus Springer, das seit 1913 Forschung verlegt, im Dezember wissen, sein Flaggschiff „Naturwissenschaften“ heiße ab Jänner „The Science of Nature“, Subtitel: „Naturwissenschaften“. Der deutsche Wurmfortsatz signalisiere die „Identität“ der hundertjährigen Geschichte, primär aber müsse man sich „besser identifizierbar“ machen für die internationale Forschergemeinde.

Das war natürlich auf Englisch geschrieben, auch die Artikel im Journal sind es, ebenso wie die in der nun letzten großen Fachzeitschrift mit deutschem Namen, „Angewandte Chemie“. Keine Sorge, das wird kein Deutschtümeln, auch andere Sprachen haben Federn lassen müssen, zuletzt die lateinische, die immer noch auf einem Feld lebendig war (und partiell ist), dem der Nomenklatur etwa der Biologie. Seit Linné wird das Leben in Latein katalogisiert und beschrieben. Aber bei den Pflanzen akzeptiert der „International Code of Bionomenclature“ seit 2012 Online-Beschreibungen auch englisch.

Keine Sorge, das wird auch nicht anglophob, es geht nur darum, dass es in den Wissenschaften heute fast so zugeht, wie es dem Mythos zufolge einmal überall war: „Es hatte aber die ganze Erde die gleiche Sprache“ (Genesis 11, 1). Das machte die Menschen, vor allem die in Babel, so stark, dass Jahwe um seine Macht fürchtete – „fortan wird für sie nichts unausführbar sein“ –, er bereitete der Bedrohung ein Ende. Aber jetzt ist das alte Babel wieder da: „The most resolutely monoglot international community the world has ever seen – we call them scientists –, and the exclusive language they use is English.“ So formuliert es der Historiker Michael Gordin (Princeton) in seinem eben erschienenen „Scientific Babel“ (Profile Books, 39 Euro). Er selbst ist ein rührendes Relikt, versteht noch alle Sprachen, über die er schreibt, sämtliche Zitate kommen nicht nur auf Englisch, sondern auch im Original zu Wort.

Etwa auf Lateinisch. Mit seinem Aufkommen als erster universeller Verständigung im Spätmittelalter beginnt Gordins Versuch, die Geschichte der Sprache(n) der Wissenschaft zu rekonstruieren, geglückt ist er nur partiell, über ausufernden Details verschwimmen die großen Linien, vor allem die des Warum. Da triumphiert also plötzlich eine Sprache, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesprochen wird, außer in der katholischen Kirche. Nun parlieren sie auch an den – eben gegründeten – Universitäten so, nicht lange, schon in der Renaissance zerbröselt es, Galileo publizierte als erster in seiner Muttersprache – und ließ in Latein übersetzen –, Newton folgte, dann ging es hin und her zwischen Vielfalt und periodischen Leitsprachen, das Holländische etwa dominierte im 17./18. Jahrhundert.


Mendelejews Lapsus. Im 19. Jahrhundert pendelte sich alles ein auf ein „Triumvirat“: Deutsch, Englisch, Französisch. Was nicht in diesen Sprachen publiziert war, war nicht in der Welt. Und wer die Sprachen nicht beherrschte bzw. wem ein Lapsus unterlief, dem konnte es ergehen wie Ende des 19. Jahrhunderts dem russischen Chemiker Dmitri Iwanowitsch Mendelejew mit dem Periodensystem. Das lag in der Luft, mindestens sechs Chemiker auf dem Erdenrund lieferten einander ein Rennen, Mendelejew lag vorn.

Nur: Er hatte zunächst auf Russisch publiziert. Zwar erschien das Manuskript dann auch auf Deutsch – in der Zeitschrift für Chemie –, aber der Übersetzer wählte für das russische „periodisch“ das deutsche „stufenweise“. Für Chemiker liegen Welten dazwischen – „periodisch“ weist auf regelmäßige Wiederkehr von Eigenschaften –, und just einer von Mendelejews Konkurrenten, der Deutsche Lothar Meyer, war mit der Publikation des Textes befasst. Ihm entging der Lapsus nicht. Sein eigener Vorschlag zur Ordnung der Elemente datierte zwar später als der Mendelejews, aber bei ihm stand „periodisch“, das System stammte von ihm! Der Streit war bös und lang.

Um dergleichen zu vermeiden, kamen im 19. Jahrhundert immer wieder Vorstöße für universelle Kunstsprachen, die erste hieß DoReMi – sie sollte gesungen werden –, es folgten Solresol, Volapück und Esperanto. Auch diese Hoffnung hielt nicht, es gab Grabenkämpfe unter den Universalierern, endlich folgte noch ein Anlauf, Ido, propagiert vom deutschen Chemiker Wilhelm Ostwald, er erhielt 1909 den Nobelpreis und investierte vom Preisgeld viel in Ido.

Dann kam der Krieg. „Der Durchbruch unserer vereinigten Armeen ist nur das Vorspiel“, erklärt Ostwald nun. Er sattelte um auf „Weltdeutsch“, das sollten alle reden, er unterschrieb auch den „Aufruf an die Kulturwelt“ – der leugnete Gräuel deutscher Soldaten –, viele taten es, Max Planck etwa und der unselige Fritz Haber, der den ersten Einsatz der von ihm erfundenen Giftgase in Ypern selbst überwachte.

Wenige stemmten sich dagegen, an der Spitze Einstein. Dann war der Krieg vorbei, der Westen zog einen Boykott deutscher (und österreichische) Forscher auf – keine Einladung zu Konferenzen etc. –, in den USA wurde mancherorts das öffentliche Sprechen von Deutsch bestraft. Trotzdem florierte in Deutschland die Forschung – Schweden half: Deutsche erhielten Nobelpreise zuhauf, der erste für Chemie nach dem Krieg ging just an Haber –, auch beim Publizieren lag Deutsch vorn. Französisch sank ab, Englisch stieg auf, Ende der 1920er-Jahre überholte es und zog stetig nach oben – ließ sich auch von einem kurzen Höhenflug des Russischen im Kalten Krieg nicht beeindrucken –, 2005 waren über 90 Prozent aller Publikationen auf Englisch verfasst.

Das drückte so schwer auf das deutsche Gemüt, dass der Bundestag ein „Hearing“ (sic!) über „Deutsch als Sprache von Wissenschaft und Kultur“ abhielt. Ergebnis war ein Pfeifen im Walde, angestimmt von Organisationen, die Deutsches in die Welt – und die Welt nach Deutschland – tragen, vom Goethe-Institut bis zum Akademischen Austauschdienst: „The issue of ,German as a language of science and culture‘ should not be seen in terms of competition between English and German but in terms of their complementarity.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.04.2015)