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Flüchtlingskrise 1956: Menschlichkeit mit Ablaufdatum

Flüchtlingskrise 1956: Menschlichkeit mit Ablaufdatum
Traiskirchen 1956: Stroh statt Betten(c) imago stock&people (imago stock&people)
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Die Aufnahme der Ungarn-Flüchtlinge 1956 ist eine der großen Erzählungen der Zweiten Republik. Doch ein Blick auf die gesellschaftliche Konfliktsituation der Zeit zeigt, wie eine Bevölkerung durch eine Flüchtlingswelle verunsichert und überfordert werden kann. Damals wie heute.

„Es ist schön, dass wir nicht mit schlechtem Gewissen an diese Ereignisse zurückdenken müssen, sondern sagen können, dass es einen Strom der Hilfsbereitschaft, einen Sieg der Menschlichkeit gab.“ Worte unseres amtierenden Bundespräsidenten, eines Zeitzeugen: Der achtzehnjährige Maturant Heinz Fischer werkte tatkräftig als Tellerwäscher in der Küche des Flüchtlingslagers Traiskirchen, als im Herbst 1956 in Ungarn ein Volksaufstand gegen den stalinistischen Panzerkommunismus blutig niedergeschlagen wurde, ein Strom an Flüchtlingen sich auf den Weg über die österreichische Grenze machte und hier auf den besagten Strom der Hilfsbereitschaft stieß. Seither wird die gelebte Solidarität der Österreicher mit den bedrängten Nachbarn als Heldenmythos der Zweiten Republik gefeiert, lebt fort in Sonntagsreden und ist zuverlässig immer dann zur Stelle, wenn es gilt, die mangelnde Opferbereitschaft angesichts der aktuellen Flüchtlingskrisen zu geißeln. Zuletzt beklagte Ex-Kanzler Franz Vranitzky ein Schwinden der Hilfsbereitschaft im Vergleich zu früher.

Im politischen Diskurs lässt sich die Flüchtlingspolitik 1956 wie heute ideal instrumentalisieren: Am Anfang stand der patriotische Stolz, ein besseres Schicksal erwischt zu haben als die geknechteten Nachbarn, getreu dem bissigen Bonmot von Rudolf Burger: „Der wahre politische Flüchtling ist einer, den man politisch verwenden kann, um dem eigenen System auf die Schulter zu klopfen.“ Später kamen die Jahre, wo die Asylpolitik dazu diente, den Mythos einer funktionierenden Einwanderungskontrolle aufrechtzuerhalten. Daran hat der Staatsbürger heute seine Zweifel.

Befürworter einer liberalen Asylpolitik erinnern gerne an 1956, als ein viel ärmeres und viel bedrohteres Land Großzügigkeit bei der Aufnahme von Flüchtlingen gezeigt habe. Befürworter eines restriktiven Fremdenpolitik berufen sich ebenfalls auf 1956: Das Beispiel der Ungarnflüchtlinge zeige, dass die österreichische Bevölkerung in einer Extremsituation durchaus mitmenschlich agiere, wenn es sich um „wirkliche politische Flüchtlinge“, „richtige Asylsuchende“ handle und nicht um „Wirtschaftsflüchtlinge“, „afrikanische Drogendealer“ oder „islamistische Modernisierungsverweigerer“.

„Ruhmesblatt neuerer österreichischer Geschichte“

Ohne das vielfach dokumentierte „Ruhmesblatt neuerer österreichischer Geschichte“ (Paul Lendvai) schmälern zu wollen, denn die Leistungen der Regierung und der Zivilgesellschaft waren eindrucksvoll, liefert ein unsentimentaler Rückblick dennoch hinreichend Hinweise, dass die Schicht der Hilfsbereitschaft in der österreichischen Bevölkerung 1956 dünn und die Regierungsstellen überfordert waren. Eine Untersuchung, wann und warum das Bild des selbstlosen Österreichers Risse bekam, zeigt Konstanten auf, wie eine Flüchtlingswelle eine Gesellschaft verunsichern kann, 1956 wie heute.

Die ersten Wellen von Flüchtlingen wurden herzlich und liebevoll empfangen, bereits wenige Tage nach Ausbruch der Revolution erteilte die österreichische Regierung am 26. Oktober 1956 all jenen, die die Grenze unbewaffnet überschritten, den Asylstatus. Man rechnete mit 10.000 Personen. Bis zum 6. November waren es rund 3000, die versorgt werden mussten, doch dann kamen die Massen: 70.000 allein über die berühmt gewordene Brücke von Andau, 8500 pro Tag, die „Presse“ diagnostizierte „Katastrophenstimmung“, die vorhandenen Aufnahmekapazitäten reichten bei weitem nicht aus. Am Ende des Aufstandes waren 200.000 Personen, also 2 % Prozent der Gesamtbevölkerung Ungarns geflohen, 180.000 davon nach Österreich (Prognose 2015 für Österreich: 70.000 Asylanträge). Ende November 1956 wurde die Grenze auf ungarischer Seite dicht gemacht, der Minengürtel wiedererrichtet, jetzt wurde die Flucht lebensgefährlich und ebbte im Jänner 1957 völlig ab.

Die Österreicher rechneten damit, hilfs- und liebesbedürftige Habenichtse in zerlumpten Gewändern anzutreffen. Das war zum Teil auch so. Viele der Ankommenden, die im Spätherbst bei Minusgraden durchwegs zu Fuß, oft im Laufschritt vor allem bei Nacht im Zustand völliger Erschöpfung ankamen, wurden in einer spontanen Mitleidsreaktion auf Traktoren oder Pferdewagen mitgenommen und verpflegt. Selten gab es Formen kollektiver Abweisung, etwa aus Angst vor Viehdiebstählen. Solange die Zahl überschaubar war und die Einquartierung in den Bauernhäusern bis zum Weitertransport nur ein bis zwei Tage dauerte, wurden die Flüchtlinge liebevoll umsorgt. Es war ja nur vorübergehend: Die Bevölkerung rechnete damit, dass Österreich für die Schutzsuchenden nur ein Transitland sein würde.

Die nächste Etappe für die Flüchtlinge war ernüchternd: Das Auffanglager in Eisenstadt, ehemalige Beamtenwohnungen der „Rheinlandsiedlung“, waren von den sowjetischen Besatzern in einem desolaten Zustand zurückgelassen worden und noch nicht adaptiert. Die Menschen schliefen auf Stroh, das Dach war undicht. Mehr schlecht und recht wurde die von den Sowjets devastierte ehemalige Kadettenschule in Traiskirchen hergerichtet, die nächste Station, wo 6000 Flüchtlinge unter völlig unzureichenden sanitären Verhältnissen untergebracht wurden. Kleinere Lager waren über ganz Österreich verteilt, hier leistete das Rote Kreuz gute Arbeit bei der medizinischen Versorgung. Doch zunehmend breitete sich eine „Lagerpsychose“ aus, Orientierungslosigkeit, Langeweile, Enttäuschung über die Situation, in die man geraten war und Fehleinschätzung der Realität führten zu aggressiven Handlungen.

"Fast gesetzmäßige Aggression"

Die Regierung gab bei den Psychiatern Hans Hoff und Hans Strotzka ein Gutachten in Auftrag über die „psychohygienische Betreuung der ungarischen Neuflüchtlinge in Österreich“. Hier wurde die spontane und überwältigende emotionale Zuwendung der Österreicher zu den Flüchtlingen in den ersten Tagen zurückgeführt auf die „unbewusste Erwartung, dass diese Menschengruppe das Verhalten armer, hilfloser Kinder zeigen müsste. Wenn das nicht der Fall ist, … so entsteht eine fast gesetzmäßige Aggression.“ So kam es auch, es entstanden bereits Ende November beträchtliche gesellschaftliche Spannungen in der durch die andauernde Ausnahmesituation überforderten Bevölkerung. Ein Viertel der Flüchtlinge war in geistigen Berufen tätig, darunter 2.000 Ingenieure, mehr als tausend Künstler, ebenso viele Ärzte. Es war schwer, diesen Personen gegenüber, unter denen selbstbewusste Aufsteigertypen waren, latent ein Überlegenheitsgefühl zu entwickeln. „Wer nicht zerlumpt und bis auf die Knochen abgemagert ist, kann kein wahrer Hilfsbedürftiger sein, argumentieren manche“, so die „Presse“.

„Ich höre nur noch Beschwerden darüber, dass die ungarischen Flüchtlinge gratis Straßenbahn fahren dürfen“, ärgerte sich Bürgermeister Franz Jonas im Jänner 1957. „Würde man den Gerüchtefabriken glauben, dann verbrächten 169.500 von ihnen den ganzen Tag im Kaffeehaus“, zitierte die „Arbeiter Zeitung“ eines der gängigen Klischees. Je mehr sich die Lage im Nachbarland beruhigte, desto mehr ebbte die Hilfsbereitschaft ab. Die ehemaligen „Märtyrer des Freiheitskampfes“ wurden zu einem „humanitären, politischen und völkerrechtlichen Problem.“ In Zeitungsartikeln taucht das Wort „Parasiten“ auf, auch „sogenannte Flüchtlinge“, „Unterwanderung“, „Fallotten“. Auf Dauer reichte das Bild von dem verfolgten Nachbarn, der sich mutig aus den Klauen der Sowjetunion befreien wollte, nicht einmal aus für den nötigen Respekt, von der anfänglichen liebevollen Zuwendung ganz zu schweigen.

Täglich war die Bevölkerung mit dem administrativen Chaos konfrontiert: Die rasch aus dem Boden gestampften vierzig Flüchtlingsorganisationen agierten nicht immer professionell, Landeshauptleute meldeten nach Wien, sie könnten keine Flüchtlinge mehr übernehmen, die Zustände in den Lagern Eisenstadt und Traiskirchen waren schrecklich, doch sie seien, so die zynische Reaktion der Regierung, „zugegebenermaßen kein gemütliches Heim, aber nur aus diesem Grunde werden deren Insassen umso eher geneigt sein, unverzüglich ins Ausland verbracht zu werden.“ Innenminister Oskar Helmer wies die Bevölkerung ständig darauf hin, dass Österreich für die Ungarn nur als Zwischenstation gedacht sei. Doch zunehmend bemängelte man die schleppende und eigensüchtige Hilfe des Auslandes und verlangte „heute oder spätestens morgen“ eine europäische Quotenregelung: „Wir haben den Eindruck, dass der Situation seitens des Westens nicht mit erforderlicher Schnelligkeit und nötigen Kollektivverantwortungsbewusstsein Rechnung getragen wird“ appellierte die Regierung am 21. November.

Skandinavier und Südeuropäer ließen völlig aus, Großbritannien und Frankreich hatte gerade keine freien Kapazitäten, die Amerikaner nervten mit peniblen Gesundenuntersuchungen an Flüchtlingen: „Wollen die uns nur die Maroden dalassen?“ und „Aussuchen ist unfair!“ raunzte der Volksmund. Letztlich blieben 18.000, ihre Integration in die österreichische Gesellschaft und ihr Anteil am Wiederaufbau ist eine der wirklichen Erfolgsgeschichten der Zweiten Republik.