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Fasten und Warten in Bad Gastein

NEOS: Wirtschaftsprogramm von Unternehmen fuer Unternehmen
Sepp SchellhornNEOS
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Der Unternehmer und Neos-Nationalrat Sepp Schellhorn hat ein Haus in Bad Gastein für Flüchtlinge geöffnet, in dem während der Wintersaison Mitarbeiter wohnen. Ein Lokalaugenschein.

Es ist ruhig in der Pension Lydia, die Tische im Aufenthaltsraum sind verwaist. „Normalerweise wird um diese Zeit gekocht“, erzählt Manfred Harlander. Gemeinsam mit der Haushälterin Anni kümmert er sich um 36 Flüchtlinge, die seit Anfang Juni im Mitarbeiterhaus des Unternehmers Sepp Schellhorn im Bad Gasteiner Ortsteil Bad Bruck untergebracht sind.

Der Beginn des Ramadan hat das Leben in der Pension verändert. Untertags wird gefastet. Die Männer, die aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Pakistan und Somalia stammen, kochen erst abends. Anfang Juni wurden sie mit dem Bus abgesetzt. Ihre paar Habseligkeiten hatten sie in einem Plastiksackerl, manche kamen ohne Schuhe. Die Pension Lydia ist die vorerst letzte Station einer langen und zermürbenden Flucht. Die Männer erzählen von angstvollen Stunden auf überfüllten Booten, langen Fußmärschen, von Schleppern und Aufgriffen durch die Polizei. Irgendwie haben sie es geschafft. „Ich habe gar nicht gewusst, dass es ein Land namens Österreich gibt“, sagte Rabile (20) aus Somalia. Sechs Monate war er auf der Flucht. Jetzt will er schnell Deutsch lernen. „Ich möchte hier bleiben. Daheim ist nur Krieg“, sagt der junge Mann. Die anderen nicken. Auch sie setzen ihre Hoffnungen auf Österreich.


Deutschkurs startet. Seit Freitag steht eine alte Tafel im Aufenthaltsraum. Sie stammt aus der Volksschule in Goldegg. „Morgen bringe ich Kreide mit, dann kann der Unterricht beginnen“, verspricht Sepp Schellhorn. Amjad, ein 29-jähriger Syrer, der in seiner Heimat Medizin studiert hat und ein bisschen Deutsch kann, soll mit den anderen lernen. Ab Montag unterrichten drei Lehrer aus dem Gasteinertal. Mohammed (19) aus Syrien trägt das Deutschbuch immer bei sich. Er ist geflüchtet, um der Armee zu entgehen, zwei seiner Cousins sind im Krieg gestorben. „Ich bin so dankbar, dass ich hier sein darf“, sagt er und zeigt stolz auf einige Wörter, die er auf Deutsch aufgeschrieben hat. Schellhorn hat den Kurs für „seine“ Flüchtlinge – wie so vieles andere – selbst organisiert. Die Volkshochschule ist überlastet, die Behörden überfordert. Kein Mensch weiß, wie lang die Asylverfahren für die 36 Männer dauern. Der Kurs füllt zumindest die Zeit des Wartens.

Auf die Frage, wie es weitergeht, kann Schellhorn den Flüchtlingen jedoch keine Antwort geben. Von den Behörden hört er so gut wie nichts. Sein Quartier steht bis Ende November zur Verfügung. Wo die Männer dann hin sollen, weiß heute keiner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2015)

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