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Kritik Theater: Schauspiel und Wahrheit

Joachim Meyerhoff.
(c) APA (Reinhard Werner/Burgtheater)

Joachim Meyerhoff ist bei „Alle Toten fliegen hoch V“ in bester Erzähllaune. Ein Vollprofi der Vortragskunst betritt die Bühne, die mit Erinnerungs-Stücken wie Stofftieren, Geschirr und Puppen in Vitrinen flankiert ist.

Ein noch immer junger Mann erzählt eineinhalb Stunden lang aus seinem Leben, früh abgeklärt wirkt er und naiv altklug zugleich. Er heißt Joachim Meyerhoff und ist ein faszinierender Burgschauspieler. Sein Soloprogramm „Alle Toten fliegen hoch“ aber, von dem er eben den fünften Teil im Vestibül des Burgtheaters vortrug, pflegt Regression, im Blick zurück auf Lehrjahre des Herzens, voll Sentiment und Eitelkeit. Er hat Erfolg. Teil I–III seiner Erinnerungen sind beim Berliner Theatertreffen zu Gast.

Ein Vollprofi der Vortragskunst betritt die Bühne, die mit Erinnerungsstücken wie Stofftieren, Geschirr und Puppen in Vitrinen flankiert ist (Ausstattung: Sabine Volz), er blättert in Sudelbüchern, deren Fotos projiziert werden. Er entfaltet großes episches Talent, wenn er seine Anfangsjahre auf den Bühnen von Bielefeld und Dortmund Revue passieren lässt.

 

Es war einmal im Ruhrpott

Nun ja, das Leben als Schauspieler wird zur Nebensache. Es geht ziemlich offen um Meyerhoffs herzige Beziehungskisten. In Bielefeld hat er die hochbegabte Neurotikerin Hanna, die schwanger wird und das Kind gegen seinen Wunsch abtreiben lässt. Der Titel „Heute wärst Du zwölf“ bezieht sich auf dieses Ungeborene. In Dortmund hat er zugleich die lebhafte Disco-Queen Franka, deren Lieblingssatz „Ist doch egal“ letztendlich doch nur eine Schutzbehauptung sein wird.

Die interessanteste Paarung wird jedoch die mit der drallen Bäckerin Inge – einer reifen Frau aus dem Charakterfach, sie ist ein Ruhrpott-Original. Ganz zärtlich zeichnet Meyerhoff diese seltsame Beziehung. Traut sehen wir die beiden am Schluss im neuen Gastgarten der alten Bäckerei. M. wird verwöhnt mit fettem Gebäck und heißem Kaffee. Frau Inge liebt diesen sportlichen Liebeslehrling. Und das Publikum in Wien liebt diesen amüsanten Erzähler, der aus reiner Intimität Dramolette schafft. norb

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2009)