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Die selbstgerechte Erklärkavallerie aus Amerika

Analyse. Intellektuell arrogant, selektiv in der Faktenwahl und ohne Ahnung von Europa bestärken US-Ökonomen die griechische Regierung in ihrem fatalen Kurs.

Paul Krugman, Wirtschaftsnobelpreisträger von der Princeton University, war dieser Tage auf Radurlaub, doch das hat den Starkolumnisten der „New York Times“ nicht davon abgehalten, seine Meinung zur griechischen Misere zu verschriftlichen. „Was mich erstaunt, ist, wie vergleichsweise mild Griechenlands fiskalische Probleme am Vorabend der Krise aussahen“, schrieb Krugman. Im Jahr 2007 nämlich habe der öffentliche Schuldenstand nur etwas mehr als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. Krugman baut auf diesen und anderen Überlegungen seinen Rat an die Griechen auf, sich von der „Zwangsjacke des Euro“ zu befreien und eine abgewertete Drachme einzuführen. Das würde ihnen „eine Chance auf echte Erholung“ eröffnen und „als heilsamer Schock für die Gleichgültigkeit von Europas Eliten dienen“.

Halten wir fest: Einer der führenden Intellektuellen der USA weiß offenkundig nicht, dass die griechische Krise nicht 2007, sondern im Herbst 2009 ausbrach, als die neue sozialistische Regierung unter Giorgos Papandreou ihren europäischen Partnern gestehen musste, von ihrer konservativen Vorgängerin nicht 6,7 Prozent an Neuverschuldung, sondern 12,7 Prozent geerbt zu haben (diese Zahl wurde später nochmals erhöht).

Krugman ist nicht der einzige US-Nobelpreisträger, der die tsipro-varoufakische Regierungsmannschaft in ihrem Kurs unterstützt, der dazu geführt hat, dass weinende Pensionisten ohne Geld vor leer geräumten Bankomaten sitzen. Joseph Stiglitz von der Columbia University nannte die Eurozone „die Antithese von Demokratie“ und riet den Griechen dazu, ihre Zukunft außerhalb des Euro in die eigenen Hände zu nehmen. Vielleicht wurmt es Stiglitz noch immer, dass er im Februar 2010, als Berater des damaligen sozialistischen Regierungschefs Giorgos Papandreou, nur Wochen vor Beschluss des ersten EU-IWF-Programms, verkündet hat, es gebe „klar kein Risiko des Zahlungsausfalls, ich bin mir dessen sehr sicher“.

Noch keinen Nobelpreis, aber ebenfalls eine Meinung hat Stiglitz' Fakultätskollege Jeffrey Sachs. Er schreibt, die Forderung nach Haushaltssanierung und Strukturreform sei „launenhaft und zutiefst selbstzerstörerisch“. Deutsche, Finnen, Slowaken und Niederländer hätten „keine Zeit für das Leid der Griechen“. Die Athener Regierung widersetze sich mit Recht, denn „sie hat eine Verantwortung ihren Bürgern gegenüber“. Auch Sachs rät, die Fortsetzung der seit fünf Jahren laufenden Sanierungsbemühungen zu beenden; vielleicht drückt ihn, der als Konsulent Anfang der 1990er-Jahren den früheren kommunistischen Staaten fatale, von Unkenntnis der Verhältnisse vor Ort gespeiste Schocktherapien verordnet hat, das schlechte Gewissen. Dass zum Beispiel die damalige slowakische Ministerpräsidentin, Iveta Radičová, ihre politische Karriere 2011 ihrem mutigen und solidarischen Eintreten für die Griechen-Rettung opferte, dürfte ihm entgangen sein.

Es ist bedauerlich, wenn akademische Denker ihr verdientes Ansehen über Bord werfen, um sich als Aktivisten in einen politischen Streit einzumischen. Vielleicht ist das dem amerikanischen Geschäft mit der öffentlichen Meinungsführerschaft zu verdanken, in dem der nächste lukrative Buchvertrag umso schneller winkt, je wortgewaltiger man Patentlösungen für die Probleme unserer Zeit in die Arena brüllt. Das wäre bedauerlich, aber verständlich. Das Auftreten der US-Zurufer wird allerdings zum moralischen Problem, wenn es ihnen eigentlich nicht um die verarmenden Griechen, sondern um ideologische Streitereien daheim geht. „Es ist wert, danach zu fragen, ob amerikanische öffentliche Intellektuelle eine Verantwortung dafür tragen, ihre griechischen Freunde zu dummen Handlungen zu drängen“, warf Ökonom Justin Wolfers von der University of Michigan via Twitter ein. „Ich denke, dass viele der amerikanischen Linken – einschließlich Krugman und Stiglitz – Argumente üben, um innenpolitische US-Debatten zu gewinnen. Das schadet Griechenland.“

Den Erklärkavalleristen kann das egal sein; stets gibt es irgendwo auf der Welt eine Krise, die von ihnen gedeutet zu werden harrt.

E-Mails an:oliver.grimm@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2015)