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Mythen über die Selbstständigkeit

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Schon 58 Prozent der Wirtschaftskammermitglieder sind Einpersonenfirmen. Die Gewerkschaft ortet hier teilweise Sozialbetrug, die Wirtschaftskammer wehrt sich.

Wien. Andreas H. hat jahrelang als freier Mitarbeiter für ein großes Architekturbüro gearbeitet. Eigentlich hätte er die Aufträge von zu Hause aus und mit eigenen Betriebsmitteln erledigen sollen. Doch die Realität sah anders aus. Sein Schreibtisch und sein Computer befanden sich im Architekturbüro. Es gab für ihn auch fixe Arbeitszeiten. Die Überstunden wurden über das Honorar pauschal abgegolten. Für die Gewerkschaft ist das ein klassischer Fall von Scheinselbstständigkeit und Sozialbetrug. Sie hat in der Vorwoche eine Aktion gestartet, um solche prekären Arbeitsverhältnisse aufzudecken. Dabei können Scheinselbstständige im Internet anonym Details über ihre Auftraggeber bekannt geben. Die Gewerkschaft leitet die Daten dann an die Gebietskrankenkassen weiter. Diese sollen die jeweiligen Firmen überprüfen. Die Wirtschaftskammer ist über die Pauschalverdächtigungen empört und steigt auf die Barrikaden. Die „Presse“ hat dazu Fakten zum Thema Selbstständigkeit eingeholt.

 

In die Selbstständigkeit gedrängt?

In Österreich steigt die Zahl der Einpersonenunternehmen (EPU) deutlich − derzeit sind es schon 278.411. Die meisten EPU gibt es in Wien, gefolgt von Niederösterreich und Oberösterreich (siehe Grafik). Auch für Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich (WKO), wird diese Gruppe immer wichtiger. Bereits 58,1 Prozent aller Wirtschaftskammermitglieder sind Einpersonenunternehmen.

Dabei soll es nicht immer mit rechten Dingen zugehen, behauptet die Gewerkschaft. Wolfgang Katzian, Vorsitzender der GPA-djp, sagt, dass immer mehr Arbeitnehmer „teilweise nach jahrzehntelanger Anstellung plötzlich vor die Wahl gestellt werden, entweder auf Basis eines freien Dienstvertrags beziehungsweise eines Werkvertrags weiter beschäftigt oder gekündigt zu werden.“ Für die Scheinselbstständigen bedeutet die Umstellung meist eine fehlende arbeitsrechtliche Absicherung und weniger Einkommen.

Die Wirtschaftskammer wehrt sich gegen solche Generalverdächtigungen. Die allermeisten „wählen den Weg in die Selbstständigkeit ganz bewusst“, kontert Martin Gleitsmann, Leiter der Abteilung Sozialpolitik in der WKO. Erhebungen haben gezeigt, dass zu den wichtigsten Motiven für die Selbstständigkeit eine flexible Zeiteinteilung (79 Prozent), die Selbstverwirklichung (75 Prozent) und die Umsetzung einer Produktidee (51 Prozent) zählen.

Und es gibt auch positive Beispiele − wie den Tiroler Unternehmer Jeremias Fuchs, der zuvor angestellt war und sich 2009 als Handelsagent selbstständig gemacht hat. „Bis heute habe ich diesen Schritt nicht bereut und könnte es mir anders nicht mehr vorstellen. Als Selbstständiger schätze ich vor allem, nicht mehr weisungsgebunden und jetzt mein eigener Chef zu sein“, so Fuchs.

 

Keine Flucht aus der Arbeitslosigkeit

Ein Mythos lautet, dass Einpersonenunternehmen oft aus einer Notsituation heraus gegründet werden. Auch sei der Schritt in die Selbstständigkeit eine Flucht aus der Arbeitslosigkeit. Laut Statistik überleben jedoch zwei Drittel der Betroffenen die ersten fünf Jahre ihres Unternehmerdaseins. Das zeige, dass die meisten Gründungen „wohlüberlegt sowie mit einer fundierten Planung getätigt wurden und nicht ein unüberlegter Schritt aus einer Notsituation heraus waren“, betont die Wirtschaftskammer.

Außerdem habe eine Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft ergeben, dass nur zwei Prozent der Arbeitslosen, die zuvor unselbstständig beschäftigt waren, sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig machen.

Hinter dem Streit steht auch die Frage, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussehen wird. Denn es kommt immer seltener vor, dass Menschen bis zur Pensionierung den gleichen Job und den gleichen Arbeitgeber haben. Auch werden die Übergänge zwischen selbstständiger und unselbstständiger Tätigkeit fließend. Die Wirtschaft verlangt daher schon seit Längerem neue und flexible Arbeitsmodelle. Damit sollen mehr Jobs geschaffen werden.

Die Gewerkschaft fordert dagegen einen „Überstundeneuro“ und die Senkung der Normalarbeitszeit auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2015)