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„Gut gegen Nordwind“: Distanz ist das wahre Salz der Leidenschaft

(c) APA (Georg Hochmuth)

„Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer: Charmant, etwas lang. Michael Kreihsl hat so ansprechend, modisch und glatt inszeniert, wie die Geschichte ist.

Das Internet ist eine echte Beziehungskiste. Seit Jahren hüpfen Wunder und Katastrophen aus dem Bildschirm. Partnerschaftsruinen werden final demoliert, Liebe blüht, Ehen werden gestiftet. Ein paar Chat-Rendezvous, und die Welt sieht anders aus. Auf konservative Weise lernt so gesehen Webdesignerin Emmi ihre neue Flamme kennen. Sie will ein Zeitungsabo kündigen und gerät in die Mailbox des Sprachpsychologen Leo, der an einer Studie über „E-Mails als Transportmittel für Gefühle“ arbeitet.

Die beiden kommen sich bei Whiskey und Rotwein näher. Emmi will allerdings ihren Mann und die zwei angeheirateten Kinder nicht verlassen. Die Geschichte nimmt eine Schnitzler'sche Wendung und schließlich ein melancholisches Ende.

 

Sympathisch-neurotisches Paar

Das gefiel den Lesern von Daniel Glattauers Bucherfolg „Gut gegen Nordwind“ nicht sehr. Daher schrieb der Journalist eine Fortsetzung „Alle sieben Wellen“ (Deuticke), die unwiderruflich die letzte sein soll. Man wird sehen. Dem Text merkt man an, dass er von jemandem formuliert ist, der gewohnt ist, viele Worte zu machen. Mal wirkt er pointiert, dann plappert er bloß.

Michael Kreihsl hat so ansprechend, modisch und glatt inszeniert, wie die Geschichte ist. In Leos Wohnung hängt ein Boxsack, den er traktiert, wenn er zu sehr leidet. Emmi räkelt sich in violetter Unterwäsche auf ihrem Bett. Es geht wohl anständig zu in diesem bittersüßen Drama.

Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill sind zwei sympathische Großstadtneurotiker, die sich nicht trauen, einander zu treffen. Die Idee mit dem Mailroman ist nicht ganz so neu. In einer Supermarktzeitung gab es witzige Dialoge von Mann und Frau über Liebe, Nähe und Chatiquette. Der Briefroman ist eine klassische Form („Love Letters“, „Geliebter Lügner“, „Gefährliche Liebschaften“). Distanz ist ja das wahre Salz der Leidenschaft. bp

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2009)