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Wohngeschichte: „Am Anfang war es eine Ruine“

Fünf Familien haben sich vor dreißig Jahren in einem alten Biedermeierhaus im Karmeliterviertel ihren Wohntraum realisiert. Das Gemeinschaftsprojekt funktioniert bis heute.

Ein bunter Kosmos aus Szenelokalen, exklusiven Spezialitätenangeboten und originellen, kleinen Shops: Das Karmeliterviertel in Wien gilt derzeit als eine der trendigsten Wohngegenden der Stadt. Nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt sind selbst die Fassaden der Häuser eine Spur farbenprächtiger als anderswo. Mittendrin in diesem lebendigen Viertel findet sich – in der Karmelitergasse im Hof eines Biedermeierhauses – ein Hort der Ruhe: eine große Wiese, zwei mächtige Linden, die Reste einer aus dem Mittelalter stammenden Ghettomauer, eine von Schlingpflanzen überwucherte Robinie sowie Efeu und Knöterich, die sich an den Gittern der Pawlatschengänge des Hauses hochranken.

 

Mit Herzblut dabei

Fünf Familien schufen sich dieses kleine Paradies fast im Herzen der Stadt. Sie fanden sich Anfang der Achtzigerjahre zusammen, um ein gemeinsames Wohnprojekt zu realisieren. Bei der Suche nach einem geeigneten Objekt entdeckten sie ein Abbruchhaus in der Karmelitergasse: „Die Nähe zur Stadt, das große Grundstück hat uns begeistert“, berichtet Friederike Friedmann, die mit ihrem Mann von Anfang an dabei war. Beim Haus selbst hielt sich die Freude der Gemeinschaft vorerst aber in Grenzen. Das um 1780 errichtete Biedermeierhaus habe zwar einen gewissen Charme gehabt, aber es sei zu dieser Zeit eine bessere Ruine gewesen, berichtet die pensionierte Lehrerin.

Die fünf Familien ließen es von Baumeister und Architekt prüfen. Diese sahen eine interessante Möglichkeiten für eine Revitalisierung, daher führte die Gemeinschaft mit dem Vorbesitzer harte Preisverhandlungen und schlug letztlich zu. Eine Bausparkasse sorgte für eine günstige Finanzierung, der Wiener Architekt Walter Stelzhammer realisierte die Generalsanierung. Für das Projekt erhielt er später den Stadterneuerungspreis. Mit der Arbeit des Planers sind die Bewohner auch nach mehr als 30 Jahren zufrieden, wie Friedmann erzählt: „Der Architekt hat sein Herzblut in dieses Projekt gelegt und individuelle Wohnlösungen für jeden von uns geschaffen.“

Drei der fünf Familien wohnen noch heute in dem Haus, zwei Wohnungen sind von den Eigentümern vermietet. Im Gegensatz zu den ersten Jahren, als in der Euphorie über das gelungene Projekt etliche gemeinsame Feste gefeiert wurden, geht man heute „neutraler“ miteinander um. „Das Gemeinschaftsleben schleift sich im Lauf der Jahre natürlich ab“, sagt Friedmann. Wichtig ist ihrer Meinung nach, dass man bei so einem Projekt nicht aufrechnet, wer was macht. In lockerer Form vereinbaren die Bewohner deshalb, wer sich um die Pflege des Gartens oder die Reinigung des Stiegenhauses kümmert, und das funktioniert bestens. Diese Einstellung prägt auch das Wohnen in diesem Haus, erläutert die Ex-Lehrerin: „Niemand schreibt mir vor, wo ich mein Fahrrad abstelle oder ob ich den Blumenstock im Stiegenhaus platziere.“ Der Wohnbereich beschränkt sich nicht auf die mit rund 125 bzw. 150 Quadratmetern ohnehin großzügigen Wohnungen. Der riesige Garten, der Keller, eine kleine Werkstatt stehen allen zur Verfügung. Dazu gibt es einen Gemeinschaftsraum, der aktuell zwar an eine Mitbewohnerin vermietet ist, die dort eine Physiotherapie-Praxis betreibt, bei Bedarf und nach Absprache aber auch von den anderen Eigentümern genützt werden kann.

 

Freude an Belebung

„Es ist ein angenehmes Leben hier“, versichert Friedmann. Und damit meint sie nicht nur Haus und Garten, sondern auch die Einkaufsmöglichkeiten im Viertel, die Straßenbahnstation um die Ecke, die Nähe der City. Dass aus dem eher rauen Viertel von einst ein Bobo-Grätzel geworden ist, gefällt ihr angesichts der vielen Geschäfte und der bunten Gastronomieszene durchaus, „aber ich habe schon immer gern hier gewohnt.“ Direkten materiellen Nutzen aus der Aufwertung des Grätzels hat sie keinen. „Meine Wohnung hat zwar unglaublich an Wert gewonnen, aber das nützt mir nichts, denn ich werde sie sicher nicht verkaufen“, betont die Pensionistin. Zu schön ist es hier in der großzügigen Wohnung und dem riesigen grünen Garten – fast mitten in der Stadt.

 

Das Projekt

Vorn die Kärntner Straße und hinten den Wiener Wald. Von so einer Wohnsituation träumen viele. Fünf Wiener Familien haben sich solchen Idealvorstellungen zumindest angenähert. Sie erwarben gemeinsam in den Achtzigerjahren in der City-nahen Karmelitergasse ein Biedermeierhaus mit großem Innenhof. Das Haus wurde komplett renoviert, der betonierte Hof in einen üppigen grünenden Garten verwandelt. Das Haus befindet sich bis heute im gemeinsamen Besitz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2015)