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Mit dem Kopf durch die Welt: Reise mit Kafka und Milena nach Prag

Das Ordnen von Büchern und Zeitschriften ist eine Sisyphusarbeit. Man flüchtet gern in Gedanken. Ein Artikel springt mir ins Auge: "Briefe von Milena gefunden".

Allein zu Hause: Die Freunde segeln in Kroatien oder wandern in Osttirol. Einige verbessern in Alpbach die Welt. Was tun mit der gewonnenen Zeit? Seufzend entschließe ich mich, die Zeitschriften der vergangenen Monate zu ordnen. Ein Artikel springt mir ins Auge: „Briefe von Milena Jesenská aus dem Gefängnis gefunden“. Milena: eine der großen Lieben Kafkas. In Wien, ganz in der Nähe, hatte sie einst mit ihrem Mann gewohnt, in der Lerchenfelder Straße 113, Tür 5. Ihre Ehe begann und endete problemreich. Ihr Vater, ein angesehener Prager Mediziner, wollte keinen jüdischen Schwiegersohn. Um die 17-Jährige von dem Geliebten zu trennen, hatte er sie wegen „Moral insanity“ in eine Nervenklinik einweisen lassen. 18-jährig heiratete sie Ernst Polak dennoch und zog mit ihm 1918 nach Wien. Polak arbeitete als Devisenhändler bei der Österreichischen Länderbank und war mit Max Brod, Werfel, Kraus, Kuh, Polgar und Doderer bekannt. Milena durfte neben ihnen im Café Herrenhof sitzen. Sie sprach noch nicht Deutsch – wenige Jahre später wird sie Kafka übersetzen.

Das Herrenhof und Polak bedeuteten 1918 Literatur, Revolution, Kokain, Promiskuität: Ungeniert führte ihr Mann seine Affären weiter, auch in der gemeinsamen Wohnung. Milena schuftete als Kofferträgerin, versuchte sich umzubringen, stahl aus Not und verfasste Artikel für tschechische Zeitungen. 1920 treffen Briefe von Kafka ein: Er kenne sie von Prag und wolle sie besuchen. Tatsächlich verbringen Milena und ihr „Frank“ vier Tage in Wien. Kafka an Milena: „Da ich Dich liebe, liebe ich die ganze Welt. Dazu gehört auch Deine linke Schulter, nein, es war zuerst die rechte, und darum küsse ich sie. Dein Gesicht über mir im Wienerwald und das Ruhn an Deiner fast entblößten Brust.“

Kafka will helfen. Eine Annonce gibt er für sie in der „Neuen Freien Presse“ auf: „Czechisch unterrichtet akademisch gebildete Lehrerin“. Als sie erschien, ärgerte er sich über einen Beistrichfehler.Jesenská hatte schon früher unterrichtet, Hermann Broch etwa: Den Tschechisch-Stunden folgte eine Liebesbeziehung. Nachden Tagen in Wien bittet Kafka Milena, nach Prag zu kommen. Sie lehnt ab. An der Grenze, in Gmünd, treffen sie einander nochmals, eine unerfüllte Nacht lang. „Der Coitus als Bestrafung des Glücks des Beisammenseins“, notiert Kafka. Milena: „Vielleicht war ich zu sehr Weib, um mich diesem Leben zu unterwerfen, von dem ich wusste, dass es auf Lebenszeit strengste Askese bedeuten würde.“

Nach Prag kommt sie später mit dem kommunistischen „roten Grafen“ Schaffgotsch. Bald aber ist ihre Liebe ein Architekt, sie wird schwanger. Die Geburt der Tochter verläuft lebensgefährlich. Jesenskás rechtes Knie ist schwer entzündet, ob durch Arthrose oder infolge einer gonorrhoischen Ansteckung durch den Geliebten, ist ungewiss. Ihr Bein bleibt steif und schmerzt. Milena: „Ich lebe nur von Morphiumspritzen.“ Als Journalistin ist sie erfolgreich, zuerst in einer konservativen, später einer kommunistischen Zeitung. Mit beiden bricht sie.

Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Hitler-Deutschland versteckte Milena Jesenská Widerstandskämpfer und wurde verhaftet. In Dresden vor Gericht gestellt, kommt sie aus Mangel an Beweisen frei. Nach der Haft erkennen sie ihr Vater und die kleine Tochter nicht – sie hat 30 Kilo abgenommen.

„Zwecks Umerziehung“ muss sie ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Dort rettet sie eine mutige Blockälteste: die Wiener Arbeiterin, Gewerkschaftssekretärin, Widerstandskämpferin und Sozialdemokratin Rosa Jochmann. Milena kann als Schreiberin untergebracht werden. Sie erkrankt an einer schweren Nierenentzündung. Als man ihr eine Niere entfernt, stirbt sie mit 48 Jahren an den Operationsfolgen. Ihr Leichnam wurde verbrannt, die Asche zerstreut.

Was blieb, sind ihre Briefe. Sie stehen am Beginn und am Ende meiner Gedankenreise in die nahe Lerchenfelder Straße, nach Gmünd, Prag, Dresden, Ravensbrück und wieder zum Schreibtisch zurück. Nur die Zeitschriften werden weiter ungeordnet bleiben.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Zum Autor:

Kurt Scholz war von 1992 bis 2001
Wiener Stadtschulratspräsident, danach bis 2008 Restitutionsbeauftragter der Stadt Wien. Seit Anfang des Jahres ist er
Vorsitzender des Österreichischen
Zukunftsfonds.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2015)